Der Igel und der Joghurtbecher
Sonntag, den 14. Januar 2018 um 10:58 Uhr |
Hans-Peter Stepanik | Geschichten & Gedichte - Geschichten

Oder: Rettung in letzter Not...

Ein wunderschöner Sommertag. Frühmorgens um 06.45 Uhr fuhr ich gutgelaunt auf den Parkplatz bei unserem Dienstgebäude. Weil zu dieser Zeit noch kaum jemand im Dienst war, hatte ich bezüglich eines Parkplatzes noch völlig freie Auswahl - fast freie Auswahl, wie sich gleich herausstellen sollte. 

Auf einem der Parkplätze bewegte sich was. Zuerst konnte ich es noch nicht richtig erkennen: Bei näherem Hinsehen erkannte ich es dann: Es war ein Igel. Er bewegte sich in Schlangenlinien vorwärts, mal links, mal rechts, aber nie rückwärts. 

Nicht gerade zielstrebig steuerte er auf eine Grünanlage mit Büschen und Sträuchern zu und ich wusste: wenn ich jetzt nichts unternehme, ist dieser kleine Kerl dem Tode geweiht. 

Warum? Na ja, er steckte mit seinem Kopf voll in einem achtlos weggeworfenen Joghurt-Becher. Er hatte wohl dem Duft der Fruchtmischung von „Alles Müller oder was?“ nicht widerstehen können. Als er mit dem Kopf drin war, blieb er dann mit seiner stacheligen Halskrause stecken. 

Ohne fremde Hilfe gab es da kein Entkommen mehr. Er versuchte es wohl schon seit geraumer Zeit.

So überlegte ich kurz, wie ich das wohl anstellen könnte, den stacheligen Kerl aus seiner Gefangenschaft zu befreien. So nahm ich meine altbewährten, dienstlich gelieferten Handschuhe aus dem Auto. Der Igel war fast wendiger und schneller als ich, obwohl er ja überhaupt nichts sehen konnte. Es gelang mir nach ein paar schnellen Schritten dann aber doch noch, seiner habhaft zu werden. Mit einer Hand hielt ich dann den Joghurt-Becher und mit der anderen den quirligen, kleinen Kerl fest. Es bedarf allerdings schon „einfacher körperlicher Gewalt“, bis die Stacheln sich verbiegen ließen und den Becher freigaben. 

Völlig geblendet von der Morgensonne war das kugelige Stacheltier dann wieder frei; er muss wohl doch schon längere Zeit in dieser verzweifelten Lage gewesen sein. 

Jetzt war er froh über seine neu erlangte Freiheit und ich konnte ein wenig stolz sein im Hinblick auf meine "gute Tat", die man ja hin und wieder leisten sollte.  Aber: Polizisten sind ja auch „nur“ Menschen!

 
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