So ist das mit der Lüge
Mittwoch, den 13. Dezember 2017 um 08:34 Uhr |
Florian Leitgeb | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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So ist das mit der Lüge
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So ist das mit der Lüge

Hast du kürzlich Tucholsky[1] gelesen? Nein? Du kennst ihn nicht einmal? Er war unter anderem ein Freund Erich Kästners. Unter dem Zeichen des Vergissmeinnichts bot er mit feiner Feder dem Dritten Reich und seinen Auswüchsen tapfer Paroli. Seine Bücher hat man verbrannt.
Er schreibt:
Die Engländer sind die Römer der Neuzeit.
Die Franzosen sind die Chinesen des Westens.
Alle Letten stehlen.
Alle Bulgaren stinken.
Russen unterschlagen Geld.


Das ist alles nicht wahr. Oder zumindest ist all das nur so wahr, wie die Erde eine perfekte Kugel ist. Aber im nächsten Krieg wird all dies gedruckt zu lesen sein. Die Leute werde die Zeitung durchblättern und sagen: „Ja, ja. Das habe ich doch immer schon gewusst!“ Denn das gedruckte Wort ist greifbarer als das Unbegreifliche. Und der Mensch glaubt nun einmal lieber das, was er mit eigenen Augen sieht.
In Wahrheit sind es aber nur Lügen. Und die, die diese Lügen fördern, die sich von ihnen und ihren Auswüchsen ernähren wie die Maden vom fauligen Fleisch, die werden dafür Sorge tragen, dass ihnen ja keiner auf die Schliche kommt. Auf dass keiner die Lügen als solche entlarvt und beseitigt. Was wäre das für eine Welt ohne diese Lügen?
Eine bessere? Vielleicht. Für den Einzelnen; oder auch für das ganze Volk. Aber sicher nicht für die Söhne und Töchter der Eris. Die würden elend verhungern!

Tja, so ist das mit der Lüge!
Notwendig bei den Hoffnungslosen. Oder willst du dem gerade frisch am Straßenrand sterbenden Mitmenschen sagen, dass er stirbt? Dass jegliches Hoffen auf Rettung vergebens ist? Das wäre die Wahrheit! Aber die will er sicherlich nicht hören. Er will hören, dass alles wieder gut wird, dass der Arzt bald kommt. Oder bist du es, der das hören will? Weil du die harte Realität nicht verträgst. Wir lügen zum Schutz der eigenen Person, anderer Personen oder Interessen.

Tja, so ist das mit der Lüge.
Notwendig bei den Kleinen; den Kindern. Denn Phantasie ist ja im Grunde genommen auch nichts anderes als Lüge. Der Weihnachtsmann, das Christkind, der Osterhase, die Zahnfee. Alles Lügen!
Kindermund tut zwar Wahrheit kund, aber die lieben Kleinen können auch lügen. Wie gedruckt! Wobei wir dann wieder bei den Zeitungen wären. Sie lügen vor allem, wenn es um Schokolade oder zerbrochene Blumenvasen geht.
Wir lügen aus Höflichkeit – „Oh Frau Schmid! Ihr Sohn sieht ja reizend aus!“ Aus Scham – „Was heißt hier geschlagen? Ich bin gestürzt!“ Aus Angst, Furcht, Unsicherheit oder Not – so wie Petrus, der in dieser jüdischen Märchengeschichte seinen Rabbi und Freund drei Mal verleugnet hat ehe der Hahn krähte.
Eine Lüge ist eine Aussage, von der der Lügner weiß – oder mindestens felsenfest davon überzeugt ist, dass sie unwahr ist, und die mit der Absicht geäußert wird, dass das Gegenüber sie trotzdem glaubt. Sie hat Ziel, einen falschen Eindruck hervorzurufen oder aufrecht zu erhalten.

Tja, so ist das mit der Lüge.
Notwendig in der Natur. Denn Tarnen und Täuschen ist eine Frage des Überlebens. Fressen oder gefressen werden. Das entscheiden oftmals Lügen. Bewusstes in die Irre führen. Der Pfau macht sich mit seinem Rad größer, als er ist, der Tiger verschwimmt mit seinen Streifen im Unterholz des Waldes. Im Prinzip sind das alles Lügen. Und wenn der Tiger gezwungen wird, ehrlich zu sein? Wenn er mit weißem Fell zur Welt kommt, oder wir ihm den Wald wegnehmen? Dann verhungert und stirbt er. Ganz einfach.

Tja, so ist das mit der Lüge.
Notwendig für die Gierigen. Denn Gier ist eine Sucht und sie würden alles tun für ein bisschen mehr. Wirklich alles. Sie sagen: „Wir haben nichts zu geben!“ und besitzen doch so viel. Mit der Zeit vergessen sie, dass es eine Sucht ist. Sie leugnen es und werden selbst zur Gier. Sie allein bleibt übrig, wenn die Erde einst wüst und leer sein wird. Wenn der Wind die letzten Menschenknochen zu Staub zerschleißt.
Lügen dienen dazu, einen Vorteil zu erlangen, zum Beispiel um einen Fehler oder eine verbotene Handlung zu verdecken und so Kritik oder Strafe zu entgehen. Wir lügen um die Pläne des Gegenübers zu vereiteln.

Du siehst, es ist nicht so einfach mit den Lügen. Ich halte mich an Paracelsus: Die Menge macht das Gift. Manche Lüge darf ruhig ein wenig großer sein und wirkt dennoch heilsam. Andere vergiften den Geist des Menschen schon in homöopathischen Dosen.



 
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