So ist das mit der Lüge - Seite 2
Mittwoch, den 13. Dezember 2017 um 08:34 Uhr |
Florian Leitgeb | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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So ist das mit der Lüge
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Was also tun mit dieser Erkenntnis? Wie damit umgehen?
Da kannte ich einmal einen Mann – nun ich kannte ihn nicht wirklich. Ich habe ihn zu Anschauungszwecken erfunden. Demnach könnte es genauso gut eine Frau sein, aber bei solchen Geschichten ist es ja immer ein Mann. Wie dem auch sei:
Ich kannte da einen Mann, der war in erster Linie Physiker. In zweiter Linie ein Philosoph und außerdem ein Ekel! Er war der egozentrischste Mensch den ich jemals getroffen habe. Wenn es ein Epizentrum für Egozentrik gäbe, so würde dieser Mann dort wohnen. Du verstehst, was ich meine. Ich fragte ihn, weshalb er ein solches Verhalten an den Tag lege, wo er doch eigentlich eine gut ausgeprägte soziale Ader habe. Er meinte, dass das mit seinen berufsbezogenen Erkenntnissen die Natur betreffend zu tun habe. Er sagte:
„Wissen Sie, das Universum dehnt sich aus. Und es ist jetzt schon so riesig, dass der menschliche Verstand es beinahe als unendlich bezeichnen könnte. Wir sehen rund um uns jeweils 46,5 Milliarden Lichtjahre weit. Das ist der Rand, bis wohin wir sehen. Nicht zu verwechseln mit dem Rand des Universums. Der liegt – wenn er denn überhaupt existiert – dahinter. Und das Ganze dehnt sich mit 100km pro Sekunde und Megaparsec [2]  weiter aus.“
Mein Gehirn begann zu brodeln und damit dir das nicht auch noch passiert: Das Weltall ist riesig und wird rasend schnell größer!
Und wir sitzen im Zentrum.
Nicht de facto, sondern weil wir nicht weiter sehen können. Aber das macht nichts! Bei solchen Entfernungen ist es unerheblich. Und es ändert sich auch nichts, wenn wir unseren Beobachtungspunkt von hier 500km nach – sagen wir Norden verschieben. Oder auf den Mars verlegen. Die Distanzen zwischen den Planeten unseres Sonnensystems; eines jeden bekannten Sonnensystems sind so gering im Vergleich zu dem enormen Universum, dass sie eben nicht ins Gewicht fallen. Und das brachte diesen flüchtigen Bekannten, diesen Physiker, dazu, dieses Faktum umzukehren. Er ist das Zentrum des Universums! Und ich auch. Und du. Wir alle!
Wenn ich das Zentrum des Universums bin; der Mittelpunkt allen Seins, dann bin ich wahrlich das Maß aller Dinge! Ich bin der Koordinatenursprung, von dem alles ausgeht. Aus der Psychologie wissen wir, dass wir uns unsere Realität selbst schaffen. Und ich bin mein Zentrum.

Der springende Punkt ist das „mein“ in diesem letzten Satz. Denn du bist das Zentrum deiner Realität. Der Physiker erkannte, dass nur durch diese Erkenntnis wahre Toleranz zu erreichen sei. Denn wenn ich weiß, dass meine Realität gleichzeitig mit deiner existieren kann, dann fällt es mir ungleich leichter, dich so zu akzeptieren wie du bist. Auch den Franzosen, den Engländer, Jedermann so zu akzeptieren, wie er ist.

Und die Lügner? Nun, die lügen eben. Sollen sie doch! Aufmerksamkeit, Selbstkritik und Weltoffenheit entlarven die Lügen. Aber ich posaune sie nicht heraus. Denn möglicherweise stimmt ja die eine oder andere doch und ich bin es, der sich getäuscht hat.
Entscheidend ist nur, dem negativen Einfluss der Lüge den Wind aus den Segeln zu nehmen. So wie in dieser alten persischen Geschichte:

Einst ging ein mächtiger Dämon durch eine orientalische Stadt. Er spazierte durch den Markt und warf mitunter den einen und anderen Marktstand um. Wenn der Krämer dann fluchend ein unschuldiges Kind des Missgeschicks beschuldigte, oder einen Passanten dafür verantwortlich machte, lachte der Dämon hämisch. Auch wenn der Muezzin zum Gebet rief, oder die Glocke der Christen ertönte, lachte er. Da kam er an einem blinden Bettler vorbei und stieß ihm seine Schüssel mit den erbettelten Münzen um, dass sie durch den Straßenstaub rollten und rasch von gierigen Fingern in fremde Geldkatzen in Sicherheit gebracht wurden. Der Dämon rieb sich freudig die Hände, doch der Bettler nahm seine Schüssel, reinigte sie und stellte sie wieder vor sich an ihren Platz. Der Dämon sah keinerlei Resignation in den Augen des Blinden, keine Wut, kein Zorn; ja nicht einmal Verzweiflung. Nur Mitleid. Da fragte der Dämon den Blinden:
„Sprich, Elender! Bist du nicht erzürnt über den Tölpel, der deine Schale umstieß und dich so um deinen Bettellohn brachte?“
Da blickte der Blinde den Dämon mit seinen leeren Augen an, als ob er ihn sehen könne und sprach:
„Nein, mein Freund. Mir tun nur die Menschen leid, die mir die Münzen gaben, denn ihre Hoffnung auf Erlösung ist nun vergebens gewesen.“
Da verließ der Dämon die Stadt und kehrte niemals wieder. [3]

„Tu, was du willst, solange du niemandem schadest!“ Das ist mein Gebot. Ein richtig schweres noch dazu. Da können die Christen mit ihrem „nicht stehlen“ etc. einpacken! Ich versuche, mich an meine Regeln zu halten und einen positiven Einfluss für meine Umwelt zu bieten. Was die damit macht, ist ihre Sache.
Damit komme ich wieder zu Tucholsky zurück. Er hat auch geschrieben:
„Alles ist richtig. Auch das Gegenteil.
Nur „zwar … aber“ – das ist niemals richtig.“

Anmerkungen:
[1] Kurt Tucholsky (* 9. Januar 1890 in Berlin; † 21. Dezember 1935 in Göteborg) war ein deutscher Journalist und Schriftsteller.
[2] Ein Parsec (= Parallaxensekunde) entspricht 3,26 Lichtjahren, also 3,09·10^16 Metern. Ein Megaparsec ist also eine Distanz von einer Million Parsec.
[3] Leitgeb, 24.08.2017


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