5 Minuten Weihnachten
Montag, den 19. Dezember 2016 um 12:19 Uhr |
Markus Schiffer | Geschichten & Gedichte - Geschichten

Ich laufe durch die Stadt. Ich muss noch ein Geschenk besorgen. In allerletzter Minute hat sich unsere Tochter dann doch noch umentschieden.
Mittlerweile bin ich schon im dritten Geschäft, alles bereits ausverkauft. Aber immerhin wurde mir in einer Filiale am anderen Ende der Stadt dieses blöde Teil reserviert. Ausgerechnet das Highlight des heurigen Winters. Wir haben es bereits in der Hand gehalten, aber ich habe gemeint, dafür ist unsere Tochter bereits zu groß – ja Pech gehabt. Deswegen trifft es jetzt auch mich, quer durch die Stadt zu hetzen. 


Aber ich bin guter Dinge, ein Lächeln umspielt meine Lippen und ich schenke es den völlig gestressten Mitbürgern, die mit großen Einkaufstaschen und unruhigen Blick auf den nächsten Kaufhaustempel zustürmen. Ich versuche dadurch nur etwas Weihnachtsstimmung zu verbreiten,  vielleicht schenkt mir jemand ein Lächeln zurück. Fehlanzeige. Die alte Schachtel – die mir im Bus gegenüber sitzt - denkt vermutlich  ich habe einen an der Waffel.

Endlich das Geschenk – das ultimative Weihnachtsspielzeug, elektronisch gesteuert – ich halte es in den Händen. Nur noch mit gefühlt 100 anderen Leuten an der Kassa anstehen, die alle motzen, dass nichts weitergeht, obwohl bereits alle Kassen besetzt sind.  Ich schenke der vollbusigen Kassiererin mein schönstes Zahnpasta-Lächeln, und sie lächelt sogar zurück.
So – geschenkemäßig - alles erledigt! Weihnachten kann kommen. Nur noch drei Tage bis zum Fest. Lebensmittel werde ich ganz entspannt am 24. in aller Früh einkaufen, so der Plan.
Den Bus nach Hause schenk ich mir. Wenn ich ganz, ganz langsam gehe, dann bin ich spätestens in einer Stunde zu hause. Es ist nicht wirklich kalt, die Dämmerung bricht an und ich schlendere in Richtung Innenstadt. Vorbei an bunten Auslagenscheiben, Lichterketten und dekorierten Hausfassaden.

Weihnachtsfrieden und Ruhe wird mit einer dermaßen hohen Lautstärke an allen Ecken und Enden propagiert und beworben, dass es fast schon weh tut. Weihnachtsbläser – in meiner Kindheit ein seltenes Erlebnis – blasen mittlerweile im Halbstundentakt bei jedem Glühweinstand. Bereits jetzt sind die lautstarken – fast schreienden – Gespräche der Angetrunkenen durch die Innenstadt zu hören. Festzeltstimmung beim Oktoberfest ist ein Dreck dagegen – nur dudelt hier unentwegt ein hipper Weihnachtssong aus den Lautsprechern.
Touristen machen ein Durchgehen fast unmöglich. Ich bin schon mehr als dreimal mit jemand zusammengestoßen, der plötzlich stehen geblieben ist, oder sich nach einem Weihnachtsstand umgedreht hat.
Ich nehme doch den Bus. Gerammelt voll mit Leuten die grantig drein- oder auf ihre Handys schauen.

Endlich zu Hause. Türe zu! Ruhe! Ein lautes „Hallo! Wo warst Du?“ dringt aus dem Wohnzimmer. „Du musst noch unseren Sohn zum Training fahren, und anschl. sind wir beim Adventkonzert von der Musikschule unserer Tochter eingeladen. Wir müssen uns beeilen!“
Wir hetzen in die Garage, ins Auto, in den vorweihnachtlichen Einkaufs- und in den abendlichen Berufsverkehr. Der Sohn kommt zu spät zum Training, wir zu spät zum Konzert, aber unsere Tochter noch rechtzeitig zum Auftritt. Abends nachdem ich unseren Sohn noch vom Training abgeholt habe, falle ich ins Bett und will nur noch schlafen. Endlich Ruhe. Meine Frau schnarcht bereits leise. OK, ich muss nochmal aufstehen, die Kerzen – meine Frau liebt Kerzen in der Weihnachtszeit – ausblasen, nicht das noch ein Unglück passiert.
Nachdem sich unsere Tochter eingebildet hat bei den Rorate Messen zu ministrieren, klingelt um 05.30 Uhr der Wecker. Jeden Tag seit dem 1. Adventsonntag. Eine halbe Stunde dauert es immer bis wir sie aus dem Bett haben noch einmal eine halbe bis sie endlich fertig ist und außer Haus geht. Meine Frau geht meistens mit, ich versuche mich zu drücken. Vielleicht kann ich noch eine Stunde im Bett herausschinden.

Weihnachtbaum kaufen – heuer erstmals mit den Kindern – erweist sich dann doch noch schwieriger als geplant. Jeder will unbedingt seinen Baum – denn nur dieser ist der Schönste – den anderen aufschwatzen. Ich spreche ein Machtwort und kaufe dann den der meiner Frau gefällt. Weihnachtsfriede usw.

Der Weihnachtstag ist da. Wir haben beschlossen, die Kinder – mit deren Einverständnis – zu Hause zu lassen. Also können wir ausschlafen. Die letzten beiden Jahre hat unsere Tochter offensichtlich nur mehr wegen uns an das Christkind geglaubt, und unser Sohn hat uns, und seiner Schwester, zuliebe den Mund gehalten.

Eine ganz neue Erfahrung – gemeinsam den Baum zu schmücken. Rot, blau, bunt oder golden? Oder doch den Holzschmuck? Wir entschließen uns zu allem, zumindest von jeder Farbe etwas,  um den Baum nicht zu überfrachten. Es beginnt zu kriseln, weil jeder den anderen mit seiner roten oder goldenen Kugel gerade jetzt im Weg umgeht.

Ich flüchte in den Lebensmittelmarkt. Sollen sie doch sehen wie weit sie ohne mich kommen. Gottseidank alles vorbestellt, ich muss es nur noch abholen. So wie anscheinend die ganze Nachbarschaft. Schlange stehen bei der Wurst. Schlange stehen beim Fleisch, beim Brot usw. bis zur Kasse. Nach einer Stunde bin ich wieder daheim und muss natürlich sofort den Baum bewundern, der trotz aller Streitigkeiten recht passabel geworden ist. Lebensmittel verstauen und eine Suppe für Mittag kochen. Währenddessen packt meine Frau die Geschenke ein. Mein Geschenk für Sie werde ich dann später unter den Baum schmuggeln.

Nach dem Essen bringen wir unsere Tochter zu Probe für das Krippenspiel, und holen meine Schwiegereltern ab. Zuvor ein kurzer Spaziergang mit meiner Frau. Langsam macht sich das Weihnachtsgefühl breit, oder doch der Glühwein vom Standl vor dem Lebensmittelhändler.

Wir sehen mit Begeisterung dem Krippenspiel der Jungschar zu. Unsere Tochter als Verkündigungsengel ist spitze. Wir karren alle nach Hause. Im Auto herrscht Hektik, Oma hat ihr Geschenk für die Enkelin vergessen, also noch einen Umweg. Endlich alle zu Hause. Die Kinder und die Großeltern verschwinden in den Kinderzimmern. Meine Frau pendelt zwischen den beiden Zimmern und versucht alle abzulenken.

Ich schleiche ins Wohnzimmer. Der Christbaum glänzt im Schein der Straßenlaterne die durch das Fenster leuchtet. Es ist an mir das Christkind zu spielen. Ich höre gedämpft die aufgeregten Stimmen der anderen. Ich genieße das. Jetzt gehört Weihnachten mir ganz alleine. Ich zünde die Kerzen Christbaum an, schön langsam, eine nach der anderen. Die CD mit den Weihnachtsliedern liegt bereits im CD-Player.

Der Baum leuchtet – alles glänzt und glitzert um mich herum. Im Kerzenschein wirkt alles friedlich. Ich warte noch mit dem Glöckchen. Die paar Minuten gehört Weihnachten mir ganz allein.

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