Die Welt ist wahnsinnig geworden
Mittwoch, den 04. Mai 2016 um 20:51 Uhr |
Florian Leitgeb | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Die Welt ist wahnsinnig geworden! Das mag sich Mancher in diesen Tagen denken.
Nicht nur die Flüchtlinge; die Wirtschaftskrise u.s.w. Auch die Gefahr durch veraltete Atomkraftwerke ist noch immer aktuell. Aber wenn die Welt wirklich wahnsinnig geworden sein sollte, hieße das im Umkehrschluss, dass sie es vorher nicht war. Wann also ist die Welt demnach dem Wahnsinn verfallen? Die 68er waren schon ziemlich schräg. Ich war zwar nicht dabei, aber einerseits freie Liebe und Drogen, andererseits der alles beherrschende Vietnam-Krieg. Vielleicht geschah es da. Oder noch ein paar Jahre vorher die beiden Weltkriege. Vor allem der zweite verdient auf jeden Fall das Prädikat „Irrsinn“. Obschon – der erste mit dem ganzen Giftgas... Auch ziemlich krank.


Gut. Also passierte es damals, am Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch halt! Man mag ahnen, auf was ich hinaus will. Vor dem ersten Weltkrieg gab es auch schon ziemlich kranken Wahnsinn in globalem, pandemischem Ausmaß. Sklaverei, der 30-jährige Krieg, die Heilige Inquisition, die Kreuzzüge. So kann sich jeder die Liste beliebig verlängern.

Ich denke, dass der Wahnsinn tief in den dunkeln Ursprüngen der menschlichen Rasse seine Wurzel hat. Warum also wird sie heute schon wieder wahnsinnig?

Meiner Meinung nach ist es nur eine Parole. Eine Art Wahlspruch. Für viel bedenklicher halte ich die Erkenntnis, dass das, was die Aufklärung zu Lebzeiten Kants, Goethes oder Voltaires erreichen wollte, zur Gänze im Nichts versunken ist!

Es ist klar, dass das Ideal der Aufklärung, der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit, aufgrund des menschlichen Wesens niemals vollständig erreicht werden kann. Ja ich möchte sogar so weit gehen, dass die Hälfte des zu erreichen Möglichen schon als Erfolg gewertet werden könnte. Aber nicht einmal das schaffen wir heute noch! In diesem Licht ist sogar die oftmals propagierte „Aufklärung 2.0“ eine Farce!

Dostojewskis Großinquisitor erklärt es dem auf Erden zurückgekehrten Heiland im Kerker recht anschaulich. Dass sich nämlich die Menschheit nach Kontrolle sehnt.

Sie könne mit dieser von Gott gegebenen Freiheit nicht leben. Zu groß sei diese Last. Und darum werde die Menschheit seit Jahrhunderte stetig sanft aber bestimmt zurück in ihre geliebte Knechtschaft in Form der römisch-katholischen Kirche geführt.



Was damals Gott und die Kirche waren, ist heute die Religion des Konsums. Wir entscheiden nicht mehr, was wir essen wollen. Eine App am Handy oder ein aufgeklebtes Öko-Label sagt uns, dass diese Bananen einen geringeren ökologischen Fußabdruck haben als jene. Und daher kaufen wir, um unser Gewissen zu beruhigen, die „besseren“. Schließlich will man ja nicht mit schuld sein an der Zerstörung der Natur. Dass der Natur in diesem Beispiel am besten geholfen wäre, wenn ich überhaupt keine Bananen kaufe, sieht man nicht.

Wenn ich jetzt gleich anrufe, spare ich bei diesem neuen, unglaublichen Staubsauger noch einmal sagenhafte € 30,-! -- - Andererseits, wenn ich mir dieses Ding gar nicht kaufe, spare ich 100%. Den alten reparieren zu lassen, kommt kaum noch jemandem in den Sinn.

Wenn Oma und Opa damals einen Kleiderschrank kauften, gingen sie davon aus, dass er auch noch von den lieben Enkerln benutzt werden wird. Heute undenkbar.

IKEA produziert ja nicht für uns, sondern für den nächsten Schrottplatz. Hauptsache, wir konsumieren.

Wenn eine Ölfirma wie BP wieder einmal ein havariertes Schiff zu beklagen hat aus dem tausende Liter Öl austreten, boykottieren wir als kritische Bürger diese Firma.

„Kauft nicht bei BP!“ Wenn man in dieser Aufforderung den Firmennamen gegen eine Religionsgemeinschaft austauscht, fühlt man sich unweigerlich 70 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt.

Dass BP und die anderen deshalb immer tiefer und mit immer mehr Risiko nach Öl bohren, liegt ja daran, dass wir mehr denn je nach diesem Rohstoff lechzen. Selbst wenn wir komplett auf Wind- und Sonnenenergie und Elektroautos umsteigen würden, wäre das Hauptproblem nicht gelöst. Wir würden uns noch immer gierig auf die Energie stürzen und weil sie ja umweltfreundlich und unendlich ist, kann die Gier immer mehr wachsen. Zu einem enormen Moloch, der im Endeffekt uns alle und sich selbst verschlingen wird.



Wenn wir heute über Aufklärung reden; darüber, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen; wenn wir die Unmündigkeit wirklich ablegen wollen, dann tut es Not, zuerst einmal ganz tief in seinem Inneren selbst zu beginnen. Um zu erkennen, wo die helle und die dunkle Seite in mir liegen, muss ich konzentriert in mich schauen; Perspektiven ändern und das Unmögliche für möglich, das Undenkbare für denkbar halten! Und immer wieder, einem unschuldigen Kind gleich fragen: „Warum? Wozu? Wieso?“

Jeder Mensch, ja jedes Ding in dieser Welt strebt danach, sein persönliches Glück zu maximieren. Das ist auch gut so, doch wir dürfen dabei nicht außer Acht lassen, dass die Vermehrung meines Glücks meist die Verringerung des Glücks eines anderen bedeutet. Der Grad, auf dem man hier wandelt, ist mehr als schmal. Natürlich bekommt der Fair-Trade Bananenbauer mehr bezahlt als ein „normaler“ und wenn wir alle keine Bananen mehr kaufen würden, würde weder der eine, noch der andere auch nur einen Cent aus unserer Tasche verdienen. Aber wenn er nicht mehr für uns Bananen ernten muss, hat er die Chance, sie in seiner eigenen Umgebung effizienter zu verkaufen. Das könnte dann unter Umständen die Region stärken, die Arbeitslosigkeit senken und die Abwanderung in Großstädte verringern.

Die Erste Welt hat seit Ewigkeiten seine Mitmenschen im Rest der Welt auf die eine oder andere Art unterdrückt, ausgebeutet und so seinen eigenen Wohlstand vermehrt und gefestigt. Nun, das die Globalisierung und die Vernetzung der Welt bis in die hintersten Winkel vorgedrungen ist, realisieren die dort lebenden Menschen, dass es auch anders geht. Auch sie wollen jetzt aus ihrer Unmündigkeit heraustreten, auch wenn sie nicht immer selbstverschuldet ist. Auch sie wollen ein gutes und glückliches Leben. Aber wenn mehr Leute zur Feier kommen, muss man den Kuchen in kleinere Stücke schneiden, damit alle etwas davon abbekommen.

Wir müssen uns nur fragen:
Wollen wir das? Etwas abgeben von unserem sauer verdienten, mit Blut und Schweiß in unzähligen Kriegen und Bergwerken oder auf Plantagen erworbenen Wohlstand?

Und wenn wir das nicht wollen, sind wir bereit, der Armada von Hungernden die Tore zu verschließen? Sie aktiv oder passiv zu bekämpfen?

Denn was will denn der dreckige Flüchtling aus Afrika hier bei uns? Stehlen will er!

Unsere Jobs, unser Geld, unsere Frauen! So denken wir dann. Und bedenken nicht, dass unsere Vorfahren seinen Vorfahren alles geraubt haben. Eigentlich holt er sich nur zurück, was rechtmäßig ihm gehört. So bitter das auch für uns klingt. Denn was kann ich für die Sünden meines Vaters?

Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

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