Leseprobe aus "Donauwölfe"
Freitag, den 20. März 2015 um 11:38 Uhr |
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Hans-Peter Vertacnik - "Donauwölfe"

Ein Fall für Radek Kubica

Auszug aus dem Kriminalroman


Prolog

»Jeder von uns trägt ein Verbrechen in sich – ein schon begangenes oder eines, das seine Seele ihm abverlangt.«

Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe

* * * * *

1

An jenem Septembermorgen im Jahre 2013, an dem alles begann, war es stundenlang lau und meist sogar windstill. Die Stadt lag da wie gemalt. Eine kurze Phase der Ruhe war angebrochen, in der sich das Nachtleben dem Ende zuneigte, die Hektik des anbrechenden Tages jedoch noch auf sich warten ließ. Wien, die nach zwei verlorenen Weltkriegen wiedererstarkte Walzermetropole, genoss diese Pause, gähnte verstohlen und räkelte sich.


Pünktlich um vier war es mit Eintracht und Frieden aber auch schon wieder vorbei. Da begann sich ein Lüftchen zu regen, das rasch anschwoll, durch die engen Häuserzeilen der Leopoldstadt fegte und über das Dach eines pechschwarz lackierten Wagens pfiff, der dicht am Straßenrand parkte.

Jagdzeit!

Mit dem Prater und der Donau im Rücken drehte der schlanke, dunkel gekleidete Geselle vor dem Hinterausgang des Lena la Belle seinen Fang in den Wind und fletschte die Zähne. Er hasste es, wenn sich ein Wetterumschwung ankündigte. Wenn die kalte Zeit nahte. Außerdem scheute er das Licht, daher hatte er gewisse Vorkehrungen getroffen. Zwar prangte immer noch die blasse Sichel eines abnehmenden Mondes am dunklen Firmament, doch zwei Drittel der Straßenbeleuchtung hatte er mit einem Stein zertrümmert. Wichtig für einen, der nicht erkannt werden wollte. Für den es um viel ging. Um seine sorgsam aufgebaute Existenz. Um ein gutes Leben.

Mit angespannten Muskeln lauschte Isegrim in die Nacht, die die fordernde Stimme eines Mannes an ihn herantrug. Gleich darauf folgte das helle Lachen eines Mädchens, in dem ein deutlicher Unterton von Erregung mitschwang. Wütend blähte der dunkle Kerl seinen Brustkorb und spitzte die Ohren, doch da vernahm er auch schon das dumpfe Zufallen einer Autotür, ein Motor heulte wie ein gereiztes Raubtier, wurde leiser, entfernte sich mehr und mehr und erstarb.

Jetzt war es wieder still. Die Gasse lag da wie ausgestorben. Alle zwei Minuten zuckte ein feiner roter Laserstrahl vom Dach des Nachtklubs über den Asphalt, streifte den schwarzen Passat, zog über die Wände der umliegenden Häuser nach oben bis zu den Dächern und in den Himmel, drehte sich und senkte sich wieder, ehe das Spiel von Neuem begann.

Unbeleuchtet und mit geöffnetem Kofferraum stand Isegrims Karre neben ihm. Ein unwissender Betrachter könnte meinen, der Lenker hätte etwas auszuliefern, dabei war doch das genaue Gegenteil der Fall. Hier ging es darum, etwas einzupacken. Jemanden wegzubringen. Auf immer und ewig.

Was tun, überlegte der Wolf, wenn sie in Begleitung war? Dann würde neben der Nutte halt auch ihr Leibwächter dran glauben müssen. Anders wäre das nicht machbar. Ihm bliebe keine Wahl.

Ein schabendes Geräusch beendete seine Überlegungen, und er huschte hinter das Auto und duckte sich. Lauernd. Hechelnd. Schlagartig öffnete sich schräg gegenüber die Tür. Licht flammte auf. Dann trat ein weibliches Wesen ins Freie, und es wurde wieder dunkel. Zuerst konnte er die Frau nur schemenhaft erkennen. Sie bewegte sich mit kleinen schnellen Schritten weiter, weg von ihm, und die Absätze ihrer Schuhe waren modisch spitz und fragil und klapperten auf dem Asphalt. Isegrim grinste. Sollte seine Beute auf die wahnwitzige Idee kommen, mit diesen Dingern vor ihm davonzulaufen, würde sie nicht allzu weit kommen.

Jetzt! Geifernd hetzte er los und sprang. Bevor Rotkäppchen wusste, wie ihm geschah, war er heran, packte zu, umklammerte es und rammte dem dummen Ding sein Stilett ins Herz.

Ein erstickter Schrei.

»Ruhig«, raunte er, während sich sein Opfer aufbäumte, hilflos den Mund öffnete und erzitterte. »Ganz ruhig.« Ein seltsam gurgelnder Laut löste sich aus der Kehle der Frau, dann sackte sie zusammen und wurde ganz schwer. Verdammtes Luder, dachte er sich. Das hast du nun davon.

Der schlaffe Körper war schwerer als gedacht. Keuchend trug er ihn zum Wagen, warf ihn in den Kofferraum und knallte den Deckel zu.

Stimmen. Ein Streit. Der Lautstärke nach zu schließen, waren die Krakeeler noch mindestens einen Häuserblock entfernt. Zu weit, um etwas wahrzunehmen. Gelassen stieg der Mörder in seinen Wagen, startete den Motor, drehte das Licht an und machte sich davon.

Der riskante Teil seiner Unternehmung lag damit hinter ihm. Vor dem Rest war ihm nicht bange. So unauffällig wie möglich gondelte er durch die Praterstraße zum Donaukanal, fuhr flussaufwärts bis Floridsdorf und über die Nordbrücke, durchquerte Heiligenstadt und später auch noch Grinzing.

Gegen dreiviertel fünf erreichte er die Wiener Höhenstraße und brauste zügig bergan.

Dem Kahlenberg zu.





 
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