Der Schneemann
Dienstag, den 19. Februar 2013 um 14:16 Uhr |
Markus Schiffer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Es schneit jetzt seit Tagen. Die ganze Stadt ist in Watte gepackt. Alles ist sauber und rein - kein schwarzer Fleck stört die unendlich weiße Landschaft.  Der Verkehr hält sich in Grenzen, da niemand auf den ungeräumten Straßen unterwegs sein will. Wer das Haus verlassen muss, ist mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, oder es sind Spaziergänger, die sich an der wunderschönen Winterlandschaft erfreuen. Die Kinder im Innenhof hinter dem Wachzimmer tollen immer noch ausgiebig im Schnee herum und es haben sich bereits zwei Kampfmannschaften für die unmittelbar bevorstehende Schneeballschlacht gebildet. Rote Gesichter leuchten aus den verschwitzten Schioveralls und der dampfende Atem ist im künstlichen Licht der Straßenlampen weithin sichtbar.

Es war schon eine Plage in den Dienst zu kommen. Der Bus hatte Verspätung und trotz Schneeketten kam er einfach nicht wirklich weiter. Das Auto blieb zu Hause - die Garageneinfahrt schaufelt sich einfach nicht von selbst frei.  Also zu spät. Der Chef ist schon ziemlich aufgebracht. Gerade will er zur Strafpredigt ansetzen, als mein Streifenpartner hereinspaziert. Am Kopf und Schultern ca. 20 cm Schnee. „Mein Auto hat gestreikt. Ich bin den ganzen Weg zu Fuß gelaufen.  Unsere Busverbindung ist ausgefallen.“
Der Chef hat jetzt ein anderes Opfer und ich schleiche mich aus dem Büro.  Kaffee ist ein guter Anfang für die bevorstehenden zwölf (OK! Elfeinhalb, die Verspätung eingerechnet!) Stunden.  Aus dem Wachkommandantenraum höre ich Worte wie „Sauwetter“ und „früher losgehen“ und „überhaupt“ etc. Vermutlich hat der Chef wieder Stress mit seiner Frau. Dann hält er ständig diese unendlich ermüdenden, elend langen Vorträge über Pflichtbewusstsein und Dienstauffassung. Hauptsache mein Kaffee ist heiß und dampfend.
Der Streifendienst plätschert so dahin. Wir haben nicht die geringste Lust ständig draußen herumzufahren. Die Straßen sind rutschig und man kommt nur langsam vorwärts. Seit gefühlten 10 Stunden drehen wir mit dem Streifenwagen die Runde. Natürlich nur auf den Hauptstraßen, die Nebenfahrbahnen werden erst wieder in der Früh geräumt. Mittlerweile ist es 21.35 Uhr. Nichts los im Revier – die letzten Fußgänger sind bereits zu Hause, und auf  den Straßen nur Taxis. Wir machen uns auf den Weg in Richtung Wachzimmer.  Schichtwechsel.
Mein Fahrer reißt plötzlich das Lenkrad herum. Ich stoße mit dem Kopf an die Seitenscheibe. Gerade noch rechtzeitig kann er drei Schneemännern – eher einer Schneefamilie -  ausweichen die mitten auf der Hauptstraße stehen. Wie die Orgelpfeifen stehen sie da. Der Schneevater circa zwei Meter groß, daneben die Schneemutter und noch ein ganz kleiner – noch nicht ganz fertig  - der Kopf liegt auf der Fahrbahn.
Wir steigen aus.  Ich nehme aus dem Augenwinkel in der Ecke beim Haus eine Bewegung wahr. Mein Kollege hat es auch bemerkt und rennt los. Ich hinterher. Er – offensichtlich handelt es sich um einen Mann - kann nicht entkommen. In der Häuserecke gibt es kein Entrinnen. Im Rücken hat der  die Hausmauer vor ihm sind wir zwei.
Mein Funkstreifenpartner spricht ihn - natürlich ganz vorschriftsmäßig - an:  „Halt Polizei, bleiben Sie dort stehen und zeigen Sie Ihre Hände! Haben Sie diese Schneemänner gebaut?“
„Ja war ich, mehr red´ ich jetzt aber nicht mehr Dir, Du bist codiert!“, war die verblüffende Antwort. Ich fordere  Ihn auf aus der Ecke ins Licht zu kommen. Langsam kommt der Mann -  eine schmächtige,  verwahrloste Gestalt - näher. Er zittert am ganzen Körper.
Erneut die Frage ob er für diese Schneemänner verantwortlich sei. „Ja, er habe den Auftrag von einer höheren Macht erhalten!“, kam wieder eine rätselhafte Entgegnung.



 
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