Praline mit Nachgeschmack
Samstag, den 15. September 2012 um 14:02 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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„Meine Mama hat immer gesagt: ‚Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man kriegt‘!“

Dieses Filmzitat aus „Forrest Gump“ beschreibt den Polizeiberuf so treffend wie kaum ein Zweites. Das Öffnen der Türe zum Wachzimmer war und ist also auch immer das Öffnen einer Pralinenschachtel. Meistens Schmecken die Pralinen, die man kriegt, aber nicht. Und manchmal bleibt ein schaler Nachgeschmack, egal wie lange es her ist, dass man die Praline „genossen“ hat.

An jenem Abend zeigte sich der Spätsommer von seiner schönsten Seite. Die Abendsonne färbte die Kastanienbäume im Grätzel unterhalb des Schafbergs im achtzehnten Wiener Gemeindebezirk in die herrlichsten, goldgelben Farbtöne. Es war einer jener Nachtdienste, der mit der Hoffnung begann, dass nichts passieren wird. Begleitet wurde diese Hoffnung von der steten Skepsis, dass ja doch immer etwas passieren kann. Vor allem dann, wenn man, wie ich an jenem Abend, einen Funkwagenpartner hat, der als „Magnet“ gilt. Solche gibt es, tatsächlich. Das sind die Kollegen, die in jeden dienstlichen Fettnapf treten, der sich bietet. Und dass, ohne etwas dafür zu können. Das Schicksal in Form der Funkstelle, ruft sie einfach immer wieder dort hin. An jenem Abend also hatte ich so einen Magneten als Partner. Im Bezirk galt er aber nicht nur als Magnet, sondern auch als, na ja, sagen wir einfältig. Aber bemüht. Eine manchmal gefährliche Kombination, die an diesem Abend aber nichts zur Sache tat.

Und so fuhren wir, beide noch blutjung und dienstlich mehr oder weniger unbedarft, auf Streife an diesem wunderschönen Sommerabend durch unseren wunderschönen Bezirk. Die Funkstelle beorderte uns in die Alsegger Straße, ein Aufforderer ersuchte um „Intervention“. Das ist die so ziemlich größte, polizeiliche Pralinenschachtel überhaupt. Da hatte die Polizei vom auf den Baum gesprungenen Kätzchen bis hin zum Mord wohl schon alles. Also begaben wir uns an den Einsatzort um zu intervenieren, wie es so schön heißt.

Der Aufforderer teilte uns mit, dass er einen spärlich bekleideten Mann und ein ebenso spärlich wie schäbig bekleidetes Kind von seinem Fenster aus sehen konnte, wie die beiden im Innenhof der Einsatzadresse standen und offensichtlich weinten. Nachdem er hingeeilt war um zu helfen, traf er die beiden im Stiegenhaus an, wo der Mann versucht hatte, in eine Wohnung zu gelangen. Diese war aber versperrt. Unser Aufforderer erhielt er auf keine seiner Fragen eine Antwort. In seiner Hilflosigkeit hatte der Helfer sich schließlich an uns gewandt.

Nach kurzer Einschätzung der Lage orderten wir einen Rettungsdienst an und wollten herausfinden, wer da in der Wohnung war. Wenn da zugesperrt war und die zwei da hineingehörten, dann musste ja noch wer drinnen sein. Auf unser Klopfen wurde nicht geöffnet. Eine ansonsten desinteressiert wirkende Hauspartei teilte uns mit, dass der Mann da der Hausbesitzer war. Seines Zeichens Universitätsprofessor und mit einer jungen Polin verheiratet. Es gäbe öfters mal Streit, aber man will sich ja nicht einmischen. Und, nein, die Frau hat sie schon länger nicht mehr gesehen. Aber das musste ja nichts bedeuten.



 
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