Das gefühlte Ende - Seite 2
Samstag, den 08. September 2012 um 13:57 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Das gefühlte Ende
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Ein neuerlicher Wolkenbruch und die einsetzende Abenddämm erung vertrieb sie dann. Mangels sinnvoller Alternativen kehrten sie im definiv letzten Lokal ihrer Reise ein, dem Bahnhofsrestaurant von Krakau.
Waren sie schon von vielen Dingen überrascht worden während der letzten drei Wochen, so traf es sie doch beinahe wie ein Keulenschlag, dass im Bahnhofsrestaurant striktes Alkoholverbot herrschte. Als Einsatz für verlorene Kartenspiele einigten sie sich daher auf Fanta. Das Mineralwasser zum Verdünnen wollte sich aber keiner vom anderen zahlen lassen und so wurden die Kosten dafür brüderlich geteilt.
Beide hielten bereits die Schnapskarten aufgefächert in der Hand, als Gnesig sagte, dass er beim Lesen der Speisekarte an einen alten Kollegen namens Klobasa denken musste.
„Nur, dass das Würschtel auf Polnisch ‚Kwubasa’ ausgesprochen wird.“, hakte Thorn ein.
„Genau. Den Buchstaben, der wie ein durchgestrichenes ‚l’ ausschaut, spricht man nämlich wie das ‚w’ beim englischen Wort ‚water’ aus. Und das ‚o’ mit einem Punkt drauf, spricht man ‚u’. Also Kwubasa.“
„Passt. Und jetzt spielen Sie endlich aus.“
Wie das aber oft so ist, wenn man auf etwas wartet, wollte die Zeit nicht vergehen. Fast schien es so, als wolle ein Dämon die letzten verbleibenden Stunden ihres Urlaubes noch ein wenig in die Länge ziehen.
Runde um Runde spielten sie ihre Karten aus, sagten Zwanziger und Vierziger an. Freuten sich, wenn zwar der andere gewann, man selbst aber wenigstens die beim Schnapsen obligatorischen dreiunddreißig errang, um wie es heißt ‚draußen’ zu sein. Doch die Zeit war noch lange, bis es endlich halb zwölf werden sollte, wo die letzte Etappe der Reise, die Strecke von Krakau nach Wien auf sie warten sollte.
„Ha, jetzt haben Sie schon wieder ein Fanta gespritzt verloren.“, freute sich Gnesig, dem das Spielglück seit Tallinn konstant hold gewesen war.
„Nein, nur das Fanta.“, protestierte Thorn. „Das Mineralwasser zahlen wir abwechselnd, war ausgemacht. Und damit sind jetzt Sie dran!“
„Okay, also nur ein Fanta. Das stimmt mich aber trotzdem glücklich. Weil ein Fanta bekommt man nicht alle Tage bezahlt. Das letzte Mal habe ich ein Fanta bekommen, da war ich ein achtjähriger Bub.“
„Na, da werden Kindheitserinnerungen wach. Etwa von Ihrem unsympathischen Onkel Rupert?“
Gnesig verdrehte die Augen.
„Niemals, der war so geizig, dass er in der ganzen Gegend nur ‚Restl-Rupp’ genannt wurde. Da drückt man eher einem Toten einen Schaaß heraus, als dass der jemandem eine Runde gezahlt hätte.“
„Wissen Sie.“, sagte Gnesig zu einem späteren Zeitpunkt, wo sie des Kartenspielens bereits müde waren und die Karten weggepackt hatten. „Ich war in diesem Urlaub ein paar Mal groggy, aber immer fucky.“
Nicht einmal die Erinnerung an dieses Wortspiel entlockte Thorn ein Schmunzeln. Er starrte nur auf die sich langsam bewegenden Zeiger der Bahnhofsuhr, als wolle er sie beschwören, den Zeitpunkt der Abreise schneller zu erreichen oder das Rad der Zeit um drei Wochen zurück zu drehen, damit sie diese wunderbare Reise noch einmal machen könnten.
Er erschrak beinahe, als Gnesig ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfte.
„Jetzt kennen wir uns schon so lange und so gut.“, versuchte dieser ein paar abschließende Worte zu finden und diese mit einer gewissen Portion Pathos zu versehen. „Also eigentlich nicht lange, aber seit kurzem sehr gut. Jetzt getraue ich mich jedenfalls zu sagen: Thorn, ich möchte Ihnen einmal beim Pudern in die Augen schauen.“
Ein durch ehrliche Freude ausgelöstes Lachen bemächtigte sich Thorn. Schweigend erhob er sich, packte Gnesigs Oberarme und drückte diese wortlos. Dann wuchtete er sich seinen mächtigen Rucksack auf die Schultern und trottete zum Bahnhof.
Das gefühlte Ende ihrer Reise war gekommen. Tatsächlich zu Ende war die Reise erst wenige Stunden später, als sie aus dem Nachtzug Warschau-Wien kletterten und über einen der ostseitigen Bahnsteige des Wiener Südbahnhofes Richtung Straßenbahnhaltestelle marschierten.
Der Worte waren genug gewechselt. Sie hatten zusammen gegessen, getrunken, sich gefreut und gelitten. Jetzt schienen sie beinahe froh, dass ihr Abteil voll war und die anderen Fahrgäste bereits schlafen wollten. So war ihr Schweigen nicht peinlich sondern einfach der Höflichkeit unter Reisenden entsprechend.
Und auch der letzte Satz Gnesigs bedurfte keiner Antwort mehr. Thorn stöpselte sich die Hörer seines Walkman in die Ohren und Gnesig zückte den Bleistift und sein Sudokuheft. Während Thorn sich müde zusammenrollte, zollte Gnesig einmal mehr seinen Schlafstörungen Tribut.
„Das war es, mein Freund.“, murmelte er, während sich die Räder des Zuges unaufhaltsam der Heimat entgegen bewegten.

~ Ende ~

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