Martina
Montag, den 01. Januar 2007 um 01:59 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten

Diese Geschichte ist kurz und erzählt von einer Frau, die ich eigentlich jünger geschätzt hätte, als sie wirklich ist. Macht aber nichts, sie ist sowieso verheiratet. Mit dem Bundeskanzler – sagt sie.
In Wirklichkeit wohnt sie, soweit wir das wissen, bei ihrer Mama. Martina ist über 50 und behindert. Sie hat Arbeit bei „Jugend am Werk“ und wenn man sie so auf der Straße sieht, merkt man es wohl kaum, dass sie nicht so ist wie die meisten von uns.
Das ist also Martina. Sie kommt regelmäßig in unsere Polizei-Inspektion, wartet artig in der Sicherheitsschleuse, bis sie die erste in der Warteschlange ist und läutet an. Wehe, wir haben nicht sofort Zeit, dann kann es sehr schnell vorkommen, dass sie Sturm läutet.

Schließlich hat sie ja ein Anliegen. Eigentlich hat sie zwei verschiedene. Ich weiß nicht nach welchem Prinzip sie auswählt, welche Geschichte sie uns erzählen wird.
Jedenfalls ist das so eine zwiespältige Stimmung, wenn Martina in der Sicherheitsschleuse der Polizeiinspektion, im Jargon einfach „Kobel“ genannt, steht. So richtig freut sich keiner, aber an weniger stressigen Tagen nimmt man sich die Zeit leichter, ihr zuzuhören. Da kommt einem schon einmal ein „Martina, mein Schatz!“ aus… halt so, dass sie es nicht hören kann.
Was bewegt Martina eigentlich dazu die Polizei aufzusuchen?
Zum einen kann es ganz einfach sein, dass sie Kopfschmerzen hat und eine Tablette haben möchte. Sie hat, glaube ich, noch nie eine bekommen. Wir entschuldigen uns höflich, dass wir keine haben und schicken sie zur Apotheke an der übernächsten Kreuzung. Martina bedankt sich ebenso brav und verschwindet.
Die zweite Version kommt wesentlich öfter vor. Sie beginnt damit, dass sie uns erklärt, die Frau von unserem Bundeskanzler zu sein und beschwert sich, dass die anderen bei „Jugend am Werk“ immer so böse zu ihr sind.
Offensichtlich hat irgendwann irgendein Kollege einmal vergeblich versucht ihr zu erklären, dass wir nicht zuständig sind sondern der Sozialarbeiter. Vielleicht war sogar schon einmal einer von uns dort, um zu überprüfen, was an ihrer Geschichte dran ist… glaub’ ich aber nicht. Vielleicht sollte es einmal einer tun.
Jedenfalls lautet die einzig wirksame Zauberformel um Martina zum Gehen zu bewegen: „Jaja, wir werden uns darum kümmern!“
Ich weiß nicht genau, was mich bewegt, diese Geschichte zu schreiben. Ich glaube, viele Polizeiinspektionen haben ihre eigene „Martina“. Vielleicht möchte ich ihr mit dieser Geschichte eine Art Denkmal setzen, wenn sie einmal nicht mehr kommt. Denn schon jetzt passiert es uns, vor allem an den stressigen Tagen, dass einer sagt: „Jetzt fehlt eigentlich nur noch, dass die Martina kommt!“
Und prompt läutet die Glocke in unserem „Kobel“!

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