Langsam Richtung Heimat
Dienstag, den 24. Juli 2012 um 19:19 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Kapitel 15 des Buches "Baltische Passion - Eine leidenschaftliche Reise"

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So fanden sie sich also zu einer letzten Runde am Busbahnhof von Klaipeda ein. Am späten Nachmittag würden sie Wilna erreichen und von dort mit dem Nachtzug nach Warschau weiter reisen. Dort würde es bestimmt jede Menge Anschlussmöglichkeiten in Richtung Krakau geben. Über diesen Teil der Reise machten sie sich aber noch keine Gedanken.
Wollten sie gar nicht.
„Ich hab mir gerade gedacht, dass sich das bei uns auch keiner denkt, dass Litauen so ein schönes Land ist.“, resümierte Thorn.
„Gut, das Outback ist eher öd.“, warf Gnesig ein.
„Ja, das ist eher eben, aber das hier ist ja auch Litauen.“
„Ja, aber die Kurische Nehrung ist ja bekannt. Deshalb gibt’s ja Sendungen und GEO-Berichte darüber.“
„Aber das hätte ich nicht eingeschätzt, dass uns das hier so beeindruckt.“
„Das ist das Schöne, dass uns das überhaupt beeindrucken kann.“
„Wir haben ja doch schon viel gesehen. Sie sind weit herumgekommen. Ich ebenfalls. Und dann kommt man hierher und ist nachhaltig beeindruckt.“
„Gut ist, wenn man sensibel ist.“

Er musste nicht aussprechen, dass er sowohl seinen mittlerweile zum Freund gewordenen Reisegefährten Thorn als auch sich selbst als überaus sensibel ansah.
„Wenn man bedenkt. Die Sonne hat sogar so schön geschienen, dass wir einen Sonnenbrand haben.“, bemerkte Gnesig, während sie sich die Rucksäcke auf die Schultern wuchteten um an der frischen Luft auf die Abfahrt ihres Busses zu warten.
„Ja, vornehmlich im Gesicht und auf der Glatze.“, bestätigte Thorn, der in der Tat ein rotes Gesicht hatte und seine Stirnglatze mit einem türkisen Kopftuch bedeckt hatte.
„Oh ja, vornehmlich auf der Glatze.“, neckte ihn Gnesig noch einmal und sie begaben sich auf den Perron, wo sie noch ein wenig den sonnigen Tag und die frische Luft genießen wollten, stand ihnen doch  eine viereinhalbstündige Busfahrt nach Wilna bevor.
„Ich bin deprimiert.“, brummte Thorn, der im Schatten des Bahnhofsdachs auf einem Gepäckkarren Platz genommen hatte.
„Ich danke Ihnen.“, antwortete Gnesig. „Hätten Sie auf mich gehört, dann säßen wir auf der Nehrung und wären glücklich. So sitzen wir hier und leiden. Die Prophezeiung hat sich erfüllt.“
„Amen. Und ich dachte, Sie wären Agnostiker.“

Sie stiegen in den Bus und freuten sich wieder. Über das schöne Wetter, über die Trauben von Autostoppern an den Autobahnauffahrten, an der Schönheit des Landes.
In Vilnius genossen sie das Essen in der kleinen Pizzeria schräg gegenüber des Bahnhofs. Sie sprachen nicht mehr viel über Litauen an diesem Tag. Meistens unterhielten sie sich darüber, wohin denn ihre nächste gemeinsame Reise führen sollte. Das schwarze Meer, die Türkei, die Länder entlang der alten Seidenstraße. Ideen hatten sie viele.
Das Bild, das der fahrende Zug später am Abend abgab, glich dem eines Busses mit japanischen Touristen, die in der afrikanischen Savanne wilde Tiere fotografieren wollten. Hier war es eine Gruppe junger, polnischer Amateurfotografen. Und dazwischen Thorn und Gnesig mit etwas antik anmutenden Fotoapparaten.
Als sich die Sonne nun endgültig vom Horizont verabschiedet hatte, nachdem sie dieses wunderbare Land für kurze Zeit in ein flammendes Orange getaucht hatte, setzten sie sich auf die schmalen Pritschen des Liegewagens.
„Sonnenuntergang…“, meinte Gnesig schwärmend.
„…über Litauen.“, fügte Thorn in einem Ton hinzu, als ob ein Sonnenuntergang hierzulande etwas völlig Unnatürliches wäre.
„Ich hab’ ihn fotografiert.“, ergänzte Gnesig stolz, als ob dies übermenschlicher Anstrengungen bedurft hätte.
„Ich auch. Ein bisschen. So aus dem Zug heraus. Das spiegelt diese Abfahrtsstimmung schön wieder.“
„Neun Fotos. Das ist ein kleiner Orgasmus, wenn ich das so sagen darf. Das war nämlich die einzige Sonnenuntergangspartie, die wir überhaupt erlebt haben.“
„Und ich weiß endlich, dass Sie Linksträger sind. Denn dort haben Sie jetzt einen Fleck in der Hose.“, witzelte Thorn.
„Neunundneunzig Prozent der Männer sind Linksträger.“
„Hätte ja sein können, dass ich einmal mit einem Rechtsträger auf Urlaub fahre.“
„Tja, da muss ich Sie enttäuschen. Wie Sie vielleicht bemerkt haben, bin ich als Reisepartner quasi ein Vollprofi. Und Vollprofis sind immer Linksträger. Was aber nicht heißen soll, dass alle Linksträger Vollprofis sind.“



 
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