Donnerstag, den 07. Juni 2012 um 11:56 Uhr |
Markus Schiffer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Die Vorführung
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Sonntagsdienst. August - und es ist bereits um 06.30 Uhr in der Früh drückend heiß. Verschwitzt steigt der junge Beamte vom Fahrrad und begibt sich in seine neue Dienststelle. Gerade gestern am Abend war er da und hat seinen Kasten eingeräumt und mit den „Neuen Kollegen“ einen Kaffee getrunken. Neu ist übertrieben, da er den Großteil schon von einigen gemeinsamen Funkstreifeneinsätzen kennt - zumindest dem Namen nach.

Die Leute  der Nachtdienstgruppe blicken ein wenig derangiert aus der Wäsche. Nach Mitternacht war die Hölle los – so sagen sie. Keiner hat ein Auge zugetan, da viel zu viele Leute unterwegs waren und die Hitze einfach nicht verkraften konnten. Sie macht die Leute aggressiv.  So fand eine Rauferei nach der anderen statt. Drei Festnahmen und ein verletzter Kollege sowie vier Führerscheinentzüge lautet die „Ausbeute der Nacht“.
Der junge Polizeibeamte geht erst einmal zum Chef sich vorstellen und sich zum Dienstantritt zu melden. Dann verschwindet er unter die Dusche und zieht sich die Uniform an.  Er ist schon der dritte, der heute Abkühlung unter dem kalten Wasser sucht. Viel bringt es nicht.  Als er die Uniform angezogen hat zeigen sich schon die ersten Schweißflecken unter den Achseln.
Es wird gemeinsam gefrühstückt. Klaus hat frisches Brot vom Bahnhof mitgebracht. Der junge Beamte wird als neuer Kollege vorgestellt. Sein heutiger Funkstreifenpartner ist Gerhard. Ein „Beißer“ wie es so schön heißt - ein Polizist durch und durch. Gerhard steht schon in der Türe und hat die Vorführungsmappe in der Hand und drängt ihn zur Eile. Schließlich will  Gerhard heute noch einige Straftäter erwischen. Die sollen die Strafen endlich zahlen -  wenn sie nicht zahlen können dann werden sie eingeliefert - zur Ersatzfreiheitsstrafe.
Der „Neue“ stürzt seinen Kaffee hinunter und schnallt sich langsam den Einsatzgürtel um. Er hat keine Lust auf die Vorführungen. Er hat es immer gehasst, den Leuten das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen. Gut sie haben Verwaltungsstraftaten gesetzt und die Strafen nicht bezahlt, aber irgendwie kommt ihm das alles unmenschlich vor.
Gerhard sitzt schon im Funkstreifenwagen – auf der Beifahrerseite. D.h. er soll fahren. „Das ist damit du den Rayon kennen lernst! Außerdem bin ich der Ältere – und somit dein Vorgesetzter“ sagt Gerhard ohne die Spur einer Ironie. Er meint es ernst. „OK! Du wirst nicht mehr mein Freund werden mit deiner Einstellung!“ denkt der junge  bei sich. Sie fahren los. Der erste Vorzuführende wohnt nur eine Straße entfernt  - eigentlich kann man dort zu Fuß hingehen. Er bezahlt die Strafe für das Halteverbot nicht ohne Beschwerde, dass sie ihn aus dem Bett geholt haben. Gerhard kann es sich nicht verkneifen den „Delinquenten“ darauf hinzuweisen, dass er das Dreifache gezahlt hat. Das nächste Mal soll er einfach gleich bezahlen oder noch besser gar nicht mehr im Halteverbot parken.
Auf zum Nächsten. Gottseidank ist dieser nicht zu Hause – zumindest wird die Wohnung nicht geöffnet.



 
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