Mittwoch, den 04. April 2012 um 10:06 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
Beitragsseiten
Kennen Sie Tell?
Seite 2
Alle Seiten

Kapitel 12 des Buches "Baltische Passion - Eine leidenschaftliche Reise"

Hier klicken um noch einmal Kapitel 11 "Tag der Arbeit" zu lesen!

„Sagen Sie, Thorn“, begann Gnesig, nachdem er sich eine weitere Zigarette angezündet hatte. „Kennen Sie eigentlich den Tell?“
„So ein Großer? Schütteres Haar, Schnauzbart? Lungert immer in dem Wirtshaus in der Martinstraße herum, wo wir einmal auf ein Bier gegangen sind?“
„Genau der.“
„Was ist mit ihm?“
„Ich habe gerade an ihn gedacht.“
„In sexuellen Angelegenheiten?“
„Indirekt.“

Thorn blickte sein Gegenüber neugierig an und bedeutete ihm, doch endlich weiter zu sprechen. Gnesig nahm einen Schluck von seinem Bier, tat einen kräftigen Zug von seiner Zigarette und blies einen Rauchring in die Luft.
„Der Tell“, setzte er endlich fort, während ihm ein Rest des Rauchs aus der Nase drang. „Der Tell hat mich einmal bei meinem Stammwirten ertappt. Da bin ich nach einer etwas längeren Nacht leicht angeschlagen mit meinem Espresso am Stammtisch gesessen. Ich hab’ ihm dann gesagt, ich möchte mich nicht mit ihm unterhalten, ich wär halt ein bisserl groggy.“
„Und was hat er gesagt?“
„Er hat mir auf die Schulter geklopft und mit Blick auf die vollbusige Kellnerin gesagt: ‚Waaßt Bua, und i bin a bisserl fucky!’“
„Scheint mir ein rechter Prolet zu sein, der gute Tell!“, schmunzelte Thorn und fügte hinzu: „Ganz meine Wellenlänge. Mit dem sollte ich einmal auf ein Bier gehen!“
„Lieber nicht. Da sind Sie ein bisschen zu schwach auf der Leber!“
Thorn nickte einsichtig.
„Und warum haben Sie jetzt an diesen Tell gedacht, mein Lieber?“
„Wenn Sie so über dieses Zitat sinnieren, lieber Thorn, werden Sie feststellen, dass uns dieses Zitat mindestens seit Warschau begleitet. Wir sind oft groggy, aber meistens ziemlich fucky.“
„Gnesig, Sie haben wie immer fast Recht.“
„Wieso nur fast?“
„Weil’s in Kattowitz angefangen hat, als diese Vollb… …blonde eingestiegen ist. Ja, Gnesig, für diese Worte müssen wir ihm Dank sagen und wollen auch darauf anstoßen!“
Was sie dann auch taten um nach dem Absetzen der Gläser festzustellen, dass der Baulärm im Hintergrund verstummt war.
„Jetzt fährt er, der Hackler. Er macht einen Schuh, wie man so schön sagt!“, kommentierte Gnesig die jäh eingekehrte Ruhe.
„Ja, vielleicht hat er eine ‚kurze Woche’. So was gibt’s am Baugewerbe.“
„Ich weiß. Aber heute ist Montag.“, stellte Gnesig fest, der dabei gar nicht bemerkt hatte, dass es in Wirklichkeit schon Dienstag war. „Halten wir also fest. Kurze Woche auf litaui-schen Baustellen: Montag Morgen bis Montag Mittag.“
„Genau.“, bestätigte Thorn, der Gnesigs Irrtum gar nicht bemerkt hatte. „Und die lange Woche dauert dann bis Dienstag Nachmittag.“
Hätte ihre Theorie gestimmt, dann wäre der Fehler nur darin gelegen, dass der Bauarbeiter scheinbar eine ‚lange Woche’ hatte. Ob dem auch so war, sei dahingestellt.



 
Template wurde mit www.template-builder.com erstellt - Copyright by Thomas Angerer