Polizistenurlaub
Mittwoch, den 22. Februar 2012 um 13:45 Uhr |
Johann Jäger | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen.“ Dieses Sprichwort fällt mir stets ein, wenn ich an einen unserer mehrtägigen Aufenthalte in Rom denke, den ich mir gemeinsam mit meiner Frau und einem befreundeten Ehepaar - Maria und Franz, er wie ich Polizist – nach einer anstrengenden und länger andauernden beruflichen Arbeit genehmigt hatte.

Wie bei jedem üblich, der aus kulturellen Gründen in die „Heiligen Stadt“ reist, gab es „volles Programm“. Von morgens bis abends waren wir auf den Beinen, um möglichst viele der unzähligen historischen Städte und Baudenkmäler zu besichtigen. An den Füßen begannen sich bereits erste Schwielen anzudeuten – ein unvermeidliches Souvenir für den, der in einer Metropole unterwegs ist, in der es für Taxifahrer geradezu einen Sport bedeutet, Fremde nach Strich und Faden auszunehmen. Also waren primär Fußmärsche angesagt, die wir, obwohl alle gegen sechzig, aufgrund unserer guten körperlichen Konstitution in der Altstadt Roms problemlos bewältigten.

Das Kolosseum, das Pantheon und das Forum Romanum mit dem Palatino hatten wir an diesem Tag bereits mit großer Begeisterung hinter uns gebracht und uns zwischendurch in einer Trattoria mit Spaghetti Vongole sowie einem Glas Wasser und etwas Weißwein gestärkt. Zum Abschluss des Programms waren wir in der Engelsburg gewesen, die uns allerdings – gemessen an all dem anderen – wegen ihres bescheidenen Inneren wenig begeisterte.

Es war so gegen vier Uhr Nachmittag. Wir promenierten nichtsahnend, mit unserer Tagesleistung höchst zufrieden und arglos plaudernd, die Via Virgilio entlang, um näher an unser Hotel heranzukommen, als mein Freund Franz, ins Gespräch mit uns vertieft, plötzlich registrierte, dass seine Frau etwa zehn Meter zurückgeblieben war. Ein schöner dunkler Audi mit römischem Kennzeichen, so sahen wir, hatte angehalten, der Fahrer durch das geöffnete Beifahrerfenster mit ihr ein Gespräch begonnen. Worum es ging, war aus der Entfernung natürlich nicht zu verstehen.

Sofort machte Franz eine Kehrtwendung und eilte zurück. Der misstrauische Polizist und die Fürsorge um seine Frau – er wollte ja auf keinen Fall, dass sie ihm abhanden kam – waren, so vermute ich, gleichzeitig in ihm erwacht. Man weiß ja, was im Ausland alles passiert und welche Gefahren überall lauern. Schließlich gab es keinen Grund, warum ein Römer eine Touristin um den Weg oder ähnlich Banales fragen sollte. Also war zu Recht Vorsicht geboten.

Wie wir erst etwas später erfahren sollten, hatte der Fahrer des Wagens, ein  außerordentlich attraktiver Vierzigjähriger, schlank, gepflegtes schwarzes Haar, typisch römische Nase, also ein Frauenschwarm, neben Maria angehalten und durch das geöffnete Fenster in bestem Deutsch gesagt: „Entschuldigen Madame! Sie sind Wienerin?“ Maria war perplex stehen geblieben, während der Typ fortfuhr: „Ich war lange in Wien. Kann daher gut Deutsch. Habe ein Problem, Madame. Meine Geldbörse ist gestohlen. Geben Sie mir fünfzig Euro! Sie können dafür eine meiner neuen Lederjacken haben.“



 
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