Südwind
Freitag, den 30. Dezember 2011 um 16:30 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Kapitel 10 des Buches "Baltische Passion - Eine leidenschaftliche Reise"

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Sie konnten es fast nicht glauben, als sie am frühen Morgen von Vogelgezwitscher und Sonnenschein geweckt wurden. Noch einmal ließen sie sich von einem Frühstück verwöhnen, das als einziges geeignet war, den Übernachtungspreis dieser Herberge zu rechtfertigen, zumal nicht einmal Hauptsaison war.
Es war aber ohnehin ihre letzte Nacht in Tallinn gewesen. Motiviert von den geheimnisvollen Erfahrungen der vergangenen Nacht und angetrieben von dem herrlichen Wetter packten sie in Windeseile ihre Habseligkeiten zusammen, ehe sie sich ein weiteres Mal in das Stadtzentrum begaben.

Sie genossen den Tag wirklich. Der Blick vom Domberg aus wurde dominiert von den in der Sonne glänzenden Glaspalästen der Hansabank und des Radisson-Hotels. Die Mosaikbilder an der Fassade der Alexander Newski-Kathedrale waren schon bei Regen beeindruckend gewesen. Bei Sonnenschein war der An-blick dieses Gotteshauses jedoch noch überwältigender. Dieses Mal hielten sie es so lange ohne Besuch eines Cafés aus, bis ihnen wirklich der Magen knurrte und die Zunge trocken am Gaumen zu kleben begann.
Sie vergönnten sich, jegliche Preisauszeichnung ignorierend, einen Kaffee am Rathausplatz, der vom Rathaus und der alten Ratsapotheke, einer der ältesten noch betriebenen Apotheken Europas, dominiert wurde.
„Unter uns gesagt, Thorn, mir sind hier zu viele Leute. Ich bin ja lieber dort, wo nicht so viele Leute sind.“
„Dort ist es aber meistens nicht schön.“
„Ja, aber wo kommen die ganzen Leute her?“
„Finnland.“
„Wieso?“
„Wieso sind Sie als Jugendlicher wohl so manchesmal in das benachbarte Jugoslawien gefahren?“
„Bier und Zigaretten?“
Thorn nickte.
„Aber von mir daheim nach Jugoslawien war’s höchstens eine dreiviertel Stunde mit dem GTI meines Bruders.“
„Na und?“
„Na, und zwischen hier und Finnland ist ein ganzes Meer.“
„Das stimmt nur bedingt. Es ist nur der Teil eines Meeres, nämlich der finnische Meerbusen. Und der lässt sich wunderbar mit einer Fähre überwinden. Da muss man nämlich selbst gar nicht fahren, sondern kann schon dort ein bisschen die Kehle schmieren.“
„Ja, aber trotzdem.“
„Nix trotzdem. Ceterum censeo, also des weiteren denke ich,…“
„Ich kenne das Zitat, lassen Sie nicht schon wieder den Bildungsbürger raushängen!“
Gnesig erfuhr zwar gerne Neues, aber die Anwesenheit einer Übermacht finnischer Touristen hatte in trotzig gemacht.
„Des weiteren denke ich, dass die Biere, die Sie in ihrer Jugend in Jugoslawien zu trinken bekamen, dem Vergleich mit einem Krügerl ‚A. Le Coq’ nicht standgehalten hätten. Von den Zigaretten wohl ganz einmal abgesehen.“
Gnesig resignierte.



 
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