Vorstadtsacher
Mittwoch, den 01. November 2006 um 00:00 Uhr |
Thomas Eppensteiner | Geschichten & Gedichte - Geschichten

03.20 Uhr. In den Nachtdiensten, die ich im Streifendienst verbrachte, sah ich so alle fünf Minuten auf die Uhr. Nach Mitternacht kam es mir immer vor, als würden mächtige Kräfte versuchen die Zeit anzuhalten, am Zeiger sitzend, im Uhrwerk ihren Versuch unerbittlich vorantreibend.
03.20 Uhr, am Rand eines Randbezirkes, in einer schwülen Nacht. Zwischen Plattenbauten, die wie schlafende, graubraune Raupen in der Peripherie liegen und brach liegenden Feldern, auf denen schon längst nichts mehr angebaut wird. Neuer Platz für neue Kriechtiere. Trostloses Umfeld, Nährboden für viele neue unserer Kunden. Die beste, weil einzige Adresse am Ort hat jetzt endlich zu. Ein Cafe, in dem ein Fremder bloß nicht versuchen soll, Streit mit irgendjemandem zu beginnen. Selbst die Wirtin hat mehr Jahre drinnen als draußen verbracht.
Ich stehe vor dem Lokal und warte auf die Rettung, die wie immer um diese Zeit ebenfalls das Problem mit dem Uhrzeiger und dem Uhrwerk hat. Seit knappen einundzwanzig Stunden stecken mein Partner und ich nun schon im Plastikgewand, wie wir unsere Uniformen in einer heißen Nacht wie dieser  scherzhaft nennen. Vor uns sitzt etwas, das mich eigentlich anwidert, Ekel in mir erregt und dessen Zustand ich mir zwar nicht gewünscht habe, jedoch in diese „geschieht ihm recht“ Schiene passt, die ich eigentlich auch nicht mag.
Mir kommen die Begriffe „Moral“ und „Ethik“ in den Sinn. Definitionen, die die Grundsätze menschlicher Werte und menschlichen Verhaltens untereinander regeln sollen. Die festlegen, was zu akzeptieren ist, was wir als schlecht und gut zu betrachten haben. Begriffe, denen in der Polizeiausbildung neuerdings Raum gelassen wird. Moderne Polizisten, Sicherheitsmanager, gelernt in einem vierstündigen Seminar. Mein Denken ist nun gerade alles andere als moralisch und ethisch. Mein Partner hat  ihn zwar mustergültig erstversorgt, mit allem was dazu gehört, aber ich fühl mich wohler, wenn ich ein paar Meter Abstand zu ihm habe. Ich dreh mich weg, höre nicht auf sein Lallen.  
Wir waren kurz vor eins schon da. Alleine, ohne zweiten Wagen, wie es im Vorstadtsacher üblich ist. Kein weiterer Wagen frei, ist ja nur eine Lärmerregung.
Die Wirtin ist verständnisvoll und betrunkener als ihre drei Gäste zusammen, macht die Musik leiser. Wir wollen nicht noch einmal kommen müssen, sonst Anzeige und all dieser Quatsch. Er sitzt neben dem Dartautomaten, der schon lange keine Pfeile mehr gesehen hat. Wir gehen wieder und ich bemerke noch, wie er aufsteht und uns nachwankt. Als wir beim Wagen stehen, holt er uns ein. Sein Atem riecht nach kaltem Rauch, Bier und Kotze. Die wenigen Worte, die ich noch verstehe, beleidigen mich, meine Mutter, meinen Vater. Auch meine Schwester, die ich nicht habe. Besser gesagt, versuchen sie nur, mich zu kränken. Der Typ kann mich um diese Zeit nicht mehr provozieren. Dafür bin ich schon zu müde, keinen Bock auf Festnahme, wenn’s nicht sein muss. Wir lassen ihn einfach stehen. Weiterfahren, Bericht über Funk, nächster Einsatz, weg von den Raupen.
Nach zwei sehen wir uns wieder, ein Gast randaliert, kein weiterer Wagen frei. Die Wirtin, drei Gäste, leise Musik aus der alten Anlage, der Dartautomat. Er will nicht gehen, ist selbst für das Vorstadtsacher zu betrunken. Ist er eigentlich nicht, aber er hat keine Kohle mehr, um weiterzutrinken. Geschenke gibt’s hier draußen nicht. Nur gescheiterte Seelen, zerbrochene Hoffnungen und jede Menge Frust. Nachdem wir unsere Handschuhe anhaben, geht’s los. Wir packen ihn links und rechts und entfernen ihn aus dem Lokal, zwei Gäste und eine Wirtin sehen uns hinterher. Obwohl er erst eine Stunde zuvor den Verdacht geäußert hatte, einer meiner sieben Väter zu sein, kann er sich jetzt an seinen Sohn nicht mehr erinnern, adoptiert aber nun auch meinen Partner. Er greift mich an, kommt in den unsichtbaren Kreis, der mich umgibt. Innerhalb dieses halben Meters will ich ihn nicht haben, bin selbst in so einer Raupe aufgewachsen, spreche seine Sprache. Er versteht mich und wankt heim, kein weiterer Grund für uns.
03.20 Uhr. Reglose Person vor Lokal. Unser Vater sitzt am Randstein und blutet aus einer tiefen Platzwunde über dem rechten Auge. Für allerlei Beleidigung hat die reglose Person allerdings noch genug Energie. Nein, Zigarette bekommt er keine von mir. Nicht mal Mitleid habe ich über, nach einundzwanzig Stunden Dienst.
Die zeitverschiebenden Mächte haben ein Einsehen, denke ich mir, während ich den Schein des Blaulichtes sehe, der sich auf die Raupe gegenüber von mir wirft. Die Sanitäter sind mindestens genauso müde wie ich es gerade bin.
„Ist wohl gestürzt, der Arme“, stellt einer der beiden eine Erstdiagnose an.
„Ja, wird wohl so sein. Das Lokal ist zu, keine Zeugen. Wir sind in zwölf Stunden sowieso wieder im Nachtdienst. Da werden wir die Wirtin befragen“, entgegne ich.
Unser Vater liegt bereits auf der Bahre und wird in den Wagen eingeladen, als wir weiterfahren, weg von den Raupen. Wir rücken ein, endlich Dienstschluss.
„Mach noch eine Runde durch die Felder, dann kann ich besser einschlafen“, bitte ich meinen Partner.

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