Tartu, Tage des Müßigganges
Dienstag, den 01. November 2011 um 16:55 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Kapitel 8 des Buches "Baltische Passion - Eine leidenschaftliche Reise"

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Gemächlich trabten Gnesig und Thorn von der Anhöhe, auf der sich die kleine Jugendherberge befand, hinunter in Richtung Stadtzentrum.
Thorn wollte etwas sagen, aber der aufheulende Dieselmotor eines beinahe antik anmutenden Linienbusses übertönte seine Stimme. Die Russwolke, die er hinterließ, verursachte bei Gnesig einen schrecklichen Hustenreiz, den er zu stillen versuchte, indem er sich eine Zigarette anzündete.
Eigentlich hatte er sich vorgenommen, auf dieser Reise mit dem Rauchen aufzuhören. Vorher wollte er aber noch seine letzten Vorräte roter „Gauloises“ noch verbrauchen. Nur er allein wusste, wie viele das waren. Sein Rucksack war groß, seine Kleiderauswahl beschränkt. Das Platzangebot für einen mittelschweren Lungenkrebs wäre also durchaus vorhanden gewesen.
„Wissen Sie woran mich die Stadt erinnert?“, fragte Thorn schließlich.

Gnesig schnippte seine Zigarette nach zwei Zügen in einen offenen Gullydeckel. „Weiß nicht. Heidelberg?“
„Nein, Graz. Finden Sie nicht? Sie waren doch schon in Graz, oder?“
Gnesig lachte und verpasste Thorn einen kräftigen Hieb auf die Schulter.
„Ob ich in Graz war? Ich habe einst dort gelebt. Gelebt und geliebt!“, rief er aus und imitierte dabei die sonore Stimme eines Opernsängers.
„Das heißt, Sie stimmen mir zu?“
Gnesig zuckte mit den Schultern.
„Ich weiß nicht. Vielleicht. Ich habe noch keine wie sie hier getroffen. Das würde die gesamte Atmosphäre beeinflussen.“
„Also?“
„Fragen Sie mich, wenn ich betrunken bin.“
„Also in zwei bis drei Stunden.“
Schweigend brachten sie die nächsten paar Meter hinter sich, ehe Gnesig auf diese Spitze antwortete.
„Optimist.“, sagte er nur und öffnete mit einer einladenden Geste die Tür zu einem Café am Rathausplatz von Tartu.
Thorn wusste nichts mit Gnesigs Antwort anzufangen, also schwieg er und lauschte dem Knurren seines Magens.
Wenig später saßen sie bei Sonnenschein im Park vor der Ruine der Domkirche. Thorn hatte sich seines Pullovers entledigt und Gnesig nippte an seinem vierten oder fünften Kaffee. Im Hintergrund hörte man jemanden in den unbeschädigten und von der Musikhochschule genützten Räumen der Kathedrale Klavier üben.
„Sie wollen es mir nicht verraten, oder?“, begann Thorn, während er beobachtete, wie sich die Milch mit seinem Kaffee vermischte.
„Ich sagte, vielleicht, wenn ich betrunken bin.“
„Und deshalb bleiben Sie heute ausnahmsweise nüchtern.“, unkte Thorn.
Gnesig antwortete nonverbal. Er grinste Thorn lediglich an und hob verschwörerisch eine Augenbraue.
„Gut. Themenwechsel.“, lenkte Thorn schließlich ein. „Ist Ihnen etwas aufgefallen?“
„Der Kaffee ist schwach.“
Thorn blickte erstaunt. Genau dieses Thema wollte er selbst soeben anschneiden.
„Ich habe da eine Theorie“, eröffnete er. „Ich glaube, das ist hier wie bei den Finnen. Mit denen sind die Esten ja quasi völkerverwandt. Also, die Finnen machen nämlich angeblich auch so einen schwachen Kaffee. Dafür ist es dort aber so Sitte, dass immer eine mit Kaffee gefüllte Thermoskanne am Tisch steht. Der ist so schwach, da kann man bedenkenlos seine zwei Liter am Tag trinken und schläft trotzdem wie ein Murmeltier. Ich weiß es nicht sicher. Aber, man sagt. Dicitur, wie der Lateiner zu sagen pflegt.“
„Bumm, jetzt haben Sie den Bildungsbürger aber wieder einmal ordentlich raushängen lassen!“, nickte Gnesig anerkennend und bestellte noch eine Tasse.



 
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