Wo wir schon einmal in der Nähe sind
Mittwoch, den 14. September 2011 um 14:38 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Kapitel 7 des Buches "Baltische Passion - Eine leidenschaftliche Reise"

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Es folgte ein Tag des Müßigganges, voll von schlechtem Kaffee und warmen Bier. Sie besahen sich die alte Festung von außen, spazierten durch die Gassen rund um das Zentrum und besichtigten die Johanniskirche. Nachhaltig blieb der Eindruck wie stark sich die Hauptstadt seit der Unabhängigkeit des Landes bereits entwickelt hatte und wie weit die Städte der Provinz dieser Entwicklung noch hinterher hinkten.
Tags darauf packten Gnesig und Thorn ihre Habseligkeiten und trotteten über schlecht asphaltierte Straßen in Richtung Bahnhof. Wie schon in den letzten Tagen, wenn sie sich in den Teil der Stadt begaben, den man wohl als Zentrum bezeichnen konnte, nahmen sie die Abkürzung über die Bahngleise. Das machte hier jeder so, hatte ihnen bereits am ersten Tag das hübsche Fräulein Baiba im Hotel „Cesis“ erklärt.

Der Kauf der Fahrkarte erwies sich wieder einmal als komplexe Herausforderung, vor allem weil Thorn nach einem Blick auf die Landkarte befand, dass es eine direkte Strecke von Cesis nach Tartu in Estland geben musste.
Wo sie schon einmal so weit im Norden waren, wollten sie nun auch noch einen Abstecher nach Estland machen, ehe sie an die litauische Ostseeküste fuhren. Gnesig hatte sich nämlich an eine Magazinsendung im Radio erinnert, die Tartu als das Heidelberg des Nordens angepriesen hatte.
Thorn, der mittlerweile bereits den Glauben daran verloren hatte, jemals Klaipeda, das eigentliche Ziel ihrer Reise, zu erreichen, willigte ein und ließ sich sogar dazu ermutigen, noch einmal den Kauf der Billets zu übernehmen.
Gnesig meinte, die Fahrkartenverkäuferin sei nicht sein Typ. Wie einem Boxer, der kurz davor war, in den Ring zu steigen, massierte er Thorns Schultern und raunte verschwörerisch:
„Los, alter Junge. Wir haben nichts zu verlieren. Schlimmstenfalls fahren wir halt zurück nach Riga.“
Wenige Minuten später hielt Thorn triumphierend zwei Fahrkarten vor Gnesigs Gesicht.
„Lugazi? Wo zum Teufel liegt Lugazi?“
„Am Ende der Zugstrecke, mein Lieber.“
Er führte Gnesig zur Landkarte im Warteraum des kleinen, aber eleganten Bahnhofsgebäudes.
„Von dort muss man nämlich den Bus nehmen.“
„Nach Tartu?“
„Nein, nach Valka. Das liegt an der estnischen Grenze.“
„Und von da gibt’s wieder einen Zug nach Tartu?“
„Von da gibt’s einen kleinen Spaziergang nach Valga. Das ist der estnische Teil von Valka.“
„Und von da gibt’s einen Zug nach Tartu?“
„Bingo.“
„Na dann. Nichts wie los!“
Wie sich herausstellen sollte, hatte Thorn die Fahrkartenverkäuferin und ihre Erklärungen tatsächlich bis ins Detail richtig verstanden.



 
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