Fahren wir wieder...
Sonntag, den 21. August 2011 um 15:14 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Kapitel 6 des Buches "Baltische Passion - Eine leidenschaftliche Reise"

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„Ich habe die Fahrkarten.“
Stolz wedelte Thorn mit einem Kassenbon durch die Luft, der offensichtlich als Fahrkarte zurück nach Vilnius dienen sollte.
Eine vollbusige, blonde Kellnerin servierte einen Teller Suppe und einen kleinen Salatteller für Gnesig, während Thorn sich gierig über eine fettige Grillwurst und einen Haufen Pommes Frites hermachte.
„Das war ein ganz schön hartes Stück Arbeit.“, berichtete Thorn. „Kein Englisch, kein Deutsch, kein Französisch. Und in dem blöden Reiseführer steht nicht einmal drinnen, wie man sich ausdrückt, wenn man am nächsten Tag zu Mittag mit dem Bus von Riga nach Vilnius fahren will. Die glauben wohl, dass wir hier ewig bleiben wollen.“, echauffierte er sich, obwohl es ihm in Riga doch ausnehmend gut gefallen hatte. Seine Stimme wurde auch gleich wieder versöhnlicher, als er vom ausladenden Dekolleté der Fahrkartenverkäuferin berichtete.


„Also morgen fahren wir wieder.“, schloss er seinen Bericht. „Was machen wir heute noch?“
Gnesig antwortete langsam und bedächtig, dabei machte er derartige Verrenkungen mit seinem Kopf, dass Thorn schon glaubte, sein Begleiter hätte einen Hexenschuss erlitten.
„Ich glaube, wir trinken hier erst einmal einen Kaffee.“, dabei wog er den Kopf schief und setzte fort.
„Der Kaffee hier ist nämlich von Julius Meinl!“
Wie zum Beweis hob er die leere Mokkatasse, die vor ihm auf dem Tisch stand. Träumend sagte er noch einmal „Julius Meinl!“
Dann legte er den Kopf auf die andere Seite und erst jetzt begriff Thorn, dass Gnesigs Blick wie festgetackert war am engen, schwarzen Minirock der Kellnerin.
„Außerdem gefällt mir hier das Interieur. Das ist Nussholz oder Kirsche. Ich fühle mich wie daheim.“
„Sie sind geil, das ist alles. Herrgott, Gnesig, reißen Sie sich zusammen und starren Sie nicht so aufdringlich der Kellnerin hinterher. Ihnen fallen ja fast schon die Augen aus dem Kopf.“
Gnesig schien ihn nur am Rande wahrgenommen zu haben und sprach in träumerischem Ton weiter.
„Eos, die Rosenfingerige. Göttin der Morgenröte.“
„Ich dachte, die spielt Klavier im Café Diglas.“, mimte Thorn den Blöden.
„Sie verstehen mich nicht, Thorn, Sie verstehen mich nicht.“
„Ich darf Sie trösten, Gnesig, ich verstehe Sie sehr wohl, aber ich habe Angst, dass der Zweimeterknabe da hinten an der Theke ihr Freund ist und Ihnen mit seiner Zigarette gleich die Augen ausbrennt, wenn Sie nicht aufhören so zu starren.“
„Wenn dieses edle, gottgleiche Gesäß das Letzte ist, das ich davor zu sehen bekomme, dann soll es geschehen.“
‚Radio Skonto’ spielte eine Schnulze und sie blickten durch das große Fenster des Lokals auf das Museum für moderne Kunst, wo sie sich nach dem Essen eine Ausstellung mit Bildern von Andy Warhol ansehen wollten.
Und es dann doch nicht taten.
Die höchsten Kunstgenüsse ihres letzten Tages in Riga waren der Besuch des Museums für Fotografie und ein Elvis Presley-Medley von zwei Straßenmusikanten in der Fußgängerzone vor dem ältesten Haus Rigas. Das Haus, das „Die drei Brüder“ heißt.



 
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