Fünf vor Weihnacht
Mittwoch, den 01. November 2006 um 00:00 Uhr |
Thomas Eppensteiner | Geschichten & Gedichte - Geschichten

Ich hatte noch nicht mal ein Jahr im Außendienst am Buckel, als ich zum ersten Mal mit dem Umstand der Hilflosigkeit und Ohnmacht konfrontiert wurde, der wir alle irgendwann mal in unserem Beruf ausgesetzt und die uns zeigt, dass wir nur beschränkt all das umsetzen und verwirklichen können, was wir uns mal vorgenommen haben. Nicht helfen können, obwohl man möchte... Er hatte schon von Anfang an dieses ungute und flaue Gefühl, das ab und an mal Besitz von uns ergreift, wenn man zum Einsatz fährt. Man weiß zwar nicht warum, aber irgendwas ist dann da, tief unten im Magen. Es sagt: "Freund, dieses Ding wird nicht so laufen, wie du dir das vorstellst." Routine. Einfach fragen, wer denn den an dieser Adresse zugelassenen Wagen derzeit lenkt. Lenken war gut, der Kollege am Telefon erklärte ihm, dass der Wagen mitten in einem Feld gefunden worden war, ohne Lenker.

Nachfragen. Routine halt. Eine Telefonnummer in Erfahrung bringen. Ein Anruf, alles Routine. Ein Tag vor dem heiligen Abend. Eine hübsche junge Frau öffnete die Tür. Freundliche Augen blickten fragend auf seine Uniform. "Ja ja, der Wagen gehört meinem Lebensgefährten. Er ist geschäftlich unterwegs. Ich kann Ihnen seine Handynummer geben wenn Sie möchten, was ist denn passiert?" "Ich denke mal, Ihr Freund hatte eine Panne, das Fahrzeug steckt in einem Acker. Die Kollegen dort haben gerade einen Einsatz und die Feuerwehr wird wohl den Wagen aus dem Feld ziehen." Als er zum Telefon griff und die Nummer wählen wollte, läutete es. Der anrufende Kollege stand mitten im Feld. Die Leiche lag direkt vor seinen Beinen. Es hatte ihn wohl einfach aus dem Cabrio geschleudert. Gurt nicht angelegt. Genick gebrochen. "Sei so gut, überbring doch gleich mal die Todesnachricht." Da stand er nun. Seit neun Monaten auf der Straße. Keine Ahnung, wie er denn nun einer Frau ihren Mann nehmen musste. Eigentlich musste er gar nichts sagen. Sie verstand auch so. Die Hand an seiner Kehle drückte immer stärker zu. Am liebsten wäre er schnell davongelaufen, so schnell er konnte. Er konnte sie nicht sehen doch sie waren da, die langen, knochigen Finger die immer mehr zudrückten. "Sagen sie es! So sagen Sie es doch endlich!"

Sie schrie ihre Gewissheit laut hinaus während sie vor ihm in die Knie ging und am Fußboden kauernd ihrer Verzweiflung nachgab. Der kleine Engel kam, offenbar vom Lärm geweckt, aus seinem Zimmer. Unsere Anwesenheit schüchterte sie ein. Sie war bestimmt nicht älter als drei oder vier Jahre, eine kleine Prinzessin, braunen Locken. Ängstlich presste sie sich an ihre Mami. Er hatte es immer noch nicht geschafft, ihr auch nur in Ansätzen zu sagen, was passiert war. Er bekam kaum noch Luft und konnte erst nach weiteren Momenten, die ihm wie Tage schienen, etwas sagen. Ja, sicher, es tat ihm leid. Nein, genaueres konnte er auch nicht sagen. Er würde sich noch mal melden, wenn er noch was für seinen Bericht benötigen würde. Als dann das Akutbetreuungsteam der Rettung endlich da war, stand er erleichtert auf der Straße. Weg hier. Kotzen. Die ersten fünf Bier nach Feierabend gehörten dem Erlebten. Er wäre gerne danach mal zu ihr gefahren. Fragen, wie es denn nun so geht, wie sie klar komme. Ob man denn helfen könne. Neue Erlebnisse am Streifenwagen überlagerten nach und nach alte. Irgendwann fand er es dann unpassend. Vielleicht hatte sie es ja schon verdrängt. Einen neuen Freund oder weiß der Teufel was. Nein, unpassend. Alte Wunden öffnen, darin herumbohren, unpassend. Diese Ohnmacht. Dieses nicht helfen können. Das machte ihm noch lange zu schaffen und erst nach einigen Monaten begann er, diese dicke Haut anzulegen, die alle Kollegen haben, mit denen er so manche Diensttour verbrachte. Die hat man eben, sonst stellt es Dich auf. Die trägt man zwölf Stunden und dann legt man sie ab. Wenn man kann. Seit damals gehören diese zwei Stunden jedes Jahr zu seinem Weihnachtsfest. Wie die Geschenke, die Menschen die man liebt und die leuchtenden Augen seines Kleinen, wenn er vor dem Baum steht. Und dann spürt er, dass er die dicke Haut doch noch ablegen kann.

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