Jurmala - Zu früh für Sommerfrische
Dienstag, den 10. Mai 2011 um 14:20 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Kapitel 5 des Buches "Baltische Passion - Eine leidenschaftliche Reise"

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„Simply The Best!“ plärrte Tina Turner aus den Boxen des schlecht eingestellten Radios im kleinen Bahnhofscafé der kleinen Bahnstation „Jurmala maiori“. „I can’t stand the rain“ wäre wohl passender, dachte Thorn und schüttete Milch in seinen Kaffee.
„Wissen Sie, ich freue mich auf die Ostsee.“, sagte Gnesig, der in seinem Kaffee rührte, obwohl sich weder Zucker noch Milch darin befanden. „Ich war noch nie an der Ostsee, obwohl ich mich sonst doch als Weltenbummler bezeichnen würde. Ich bin sehr neugierig.“
Thorn nickte geistesabwesend. Er hatte einen schlechten Tag erwischt. Die vereinzelt herumliegenden Schneehaufen, der trübe wolkenverhangene Himmel, der hie und da auch noch ein paar Regentropfen ausspuckte, machten ihn einfach nur melancholisch.
Gnesig ergriff fürsorglich Thorns Unterarm.
„Seien Sie ehrlich, Thorn. Leiden Sie?“, fragte er mit der flüsternden Stimme eines sehr einfühlsamen Krankenpflegers oder Seelsorgers.

Thorn wich aber aus.
„Gehen wir ans Meer, Gnesig. Der Kaffee hier taugt nichts.“, sagte er, ohne überhaupt davon getrunken zu haben. Es war wohl eher Tina Turner, die seine Lust auf einen Kaffee verdarb.
Gnesig schien ihn zu verstehen. Jedenfalls übernahm er ohne Murren die Rechnung, nachdem er Thorn bereits an die frische Luft geschickt hatte. Obwohl das Wetter alles andere als einladend für einen Strandspaziergang erschien, heiterte sich Thorns Stimmung bereits auf dem Weg dorthin merklich auf und er geriet ins Schwärmen. In einem dichten Kiefernwald, durch den man schon das Meer riechen konnte, passierten sie hölzerne Villen. Manche waren renoviert und in Pastellfarben gestrichen. Die meisten waren aber dem Verfall nahe und Thorn malte sich aus, wie es wäre, eine dieser Villen zu kaufen und darin in den Sommermonaten zu leben.
Ja, Sommerfrische an der lettischen Riviera hätte er sich gut vorstellen können.
Am Strand gingen sie getrennte Wege. Er erschien endlos. Leise rauschte die stille See, ein paar Möwen krächzten und balgten um einen Fisch, den ein anderer Vogel aus dem Meer gezogen hatte. Während Gnesig knapp am Rande des Wassers hockte und seine Beobachtungen in einem kleinen Diktiergerät festhielt, spielten sich vor Thorns geistigem Auge Szenen ab, wie sie auch an einem Strand an der Adria stattfinden hätten können. Er sog die Luft tief ein und war glücklich.
Wie schnell sich die Stimmungslage doch ändern kann, wenn die mit Salz angereicherte Luft am Meeresufer die Gehirnwindungen reinigt. Jegliches Gefühl für Raum und Zeit ging verloren und nur das zutiefst menschliche Bedürfnis aufsteigenden Hungers ließ ihn das Schweigen brechen.



 
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