Von Warschau nach Vilnius
Dienstag, den 08. März 2011 um 11:48 Uhr |
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Kapitel 3 des Buches "Baltische Passion - Eine leidenschaftliche Reise"

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„Was soll ich bloß meinen Enkelkindern erzählen?“
Thorn blickte verzweifelt drein.
„Ich war zwei Mal am Herrenklo im Zentralbahnhof und wurde nicht vergewaltigt oder ausgeraubt. Nicht einmal unsittlich berührt hat man mich.“
Seine Verzweiflung schien echt. Gnesig blickte betroffen. Dann konnte Thorn sich nicht mehr halten und prustete los. Gnesig fiel in das Lachen ein und prostete ihm mit einer Dose Bier zu.
„Herrlich, Thorn. Ich habe aber auch keine Lust weiter zu erzählen, dass wir just am ersten Urlaubstag unser Geld ei-ner amerikanischen Pizza-Kette in den Rachen geworfen haben.“
„Hat aber geschmeckt.“

 „Ja, verdammt. Aber ein amerikanisches Wirtshaus in Warschau. Und wir zwei Kulturreisenden gehen hin. Es ist eigentlich skandalös. Wären die Frauen dort nicht so schön gewesen, ich wäre untröstlich!“
Nach einer kurzen Pause fuhr Gnesig in verschwörerischem Ton fort.
„Apropos Frauen. Haben Sie schon einmal einen Blick in das Nebenabteil gewagt?“
„Nicht nur einen Blick, Gnesig. Auch ein Ohr und das verriet mir, dass es sich bei den beiden jungen Damen im Nachbarabteil um Amerikanerinnen handelt. Und, bei allem Respekt vor diesem Trottelvolk, nach einer amerikanischen Pizza in einem polnischen Restaurant brauche ich nicht auch noch einen Flirt mit einer Amerikanerin in einem litauischen Eisenbahnwaggon.“
Gnesig nahm diesen Einwand schweigend zur Kenntnis, legte sich in sein Bett und blätterte in seinem Sudoku-Heft.
„Wahrscheinlich haben Sie Recht, Thorn.“, meinte er noch ü-ber den Heftrand hinweg. „Wenn schon, dann sollten wir uns eine depressionsauslösende Abfuhr von einer schönen Litauerin holen und nicht von einer attraktiven, aber doch nur durchschnittlichen Amerikanerin.“
Thorn hatte sich mittlerweile einen Krimi von Henning Mankell aus dem Rucksack geholt und strich das Eselsohr glatt, das er als Markierung anstelle eines Lesezeichens hinterlassen hatte.
„Da bin ich beruhigt, dass Sie meiner Meinung sind, Gnesig.“, der Angesprochene gähnte laut und nickte. „Ich dachte schon, Sie holen jetzt ein Banjo hervor und beginnen ‚The yellow rose of Texas’ zu singen.“



 
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