Lebensmotto
Mittwoch, den 01. November 2006 um 00:00 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Lebensmotto
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Früher war mein Lebensmotto „’Cause tramps like us, baby, we were born to run“ aus der Feder von Bruce Springsteen.

Ich war getrieben von Fernweh, Abenteuerlust, der Suche nach Freiheit und gleichzeitig von der Suche nach Zweisamkeit. Ein Lied, geschrieben für mich. Ich, der Rucksacktourist, der mit einem Piratenkopftuch und einem Fotoapparat, immer aus der gewohnten Umgebung ausbrechen musste.

Es war für keinen der mich kannte, mit Ausnahme meiner Großmutter, verwunderlich, dass ich mich für eine UN-Mission beworben habe. Ein Traum also – bestärkt noch durch meinen Onkel, der für das österreichische Militär mehrmals den blauen Helm der Vereinten Nationen aufsetzte.

Im Nachhinein könnte man meinen, dass mein Wunsch, ein Jahr lang in einer ganz anderen Umgebung Dienst zu machen, von Beginn an unter keinem guten Stern stand.

Fast hätten nämlich die Kollegen von der Abteilungskanzlei, unserem Personalbüro also, die Einladung zur Englisch-Prüfung verschlampt. Knapp aber doch erwischte ich noch den Termin und bestand. Meinem Ziel war ich schon einen Schritt näher.

Beim Bewerbungsgespräch mit den Kollegen, die schon für die UNO im Ausland waren, merkte ich, dass das lauter Kerle sind, die aus dem gleichen Holz geschnitzt sind wie ich, auch „born to run“.

Das gleiche Gefühl hatte ich auch beim zweiwöchigen Vorbereitungskurs. Es kribbelte in meinem Bauch. Wann geht’s los?

Als gelernter Beamter wusste ich natürlich, dass alles seine Zeit braucht. „Ruhig, Brauner!“ wie mein Funkwagen-Partner immer sagte, wenn meine Motivation mit mir durchging. Also wartete ich.

Mittlerweile lernte ich Flou kennen. Eine Frau für’s Leben. Meine Frau für’s Leben! Sie ist auch „born to run“, verbrachte als Schülerin einige Zeit im Ausland, war ständig auf Achse. Sie versteht mich. Wir verstehen uns.

„Wäre ich bei der Polizei, dann würd’ ich es auch machen!“ bestärkte sie mich immer wieder.

Nur meine Oma wollte immer wissen, was ich „da unten bei den Wilden“ will. Erklärungen zwecklos.

Trotzdem hieß es noch warten. Jetzt eben gemeinsam. Und just in der Zeit, in der wir schon fast vergessen hatten, dass ich eigentlich los wollte, läutete das Telefon:

„Du fliegst!“ Kurz und prägnant wurde ich vom Kollegen aus dem Innenministerium wieder an meinen alten Traum erinnert. Wenn ich möchte und den medizinischen Check bestehe, gehe ich in drei Monaten auf Mission.

Was folgte, war eine durchwachte Nacht. Ich hatte ohnehin Überstunden. Viel Zeit um nachzudenken. Viel Zeit, um die Telefonleitungen nach Hause glühen zu lassen. Warum erst jetzt oder warum ausgerechnet jetzt? Jetzt, wo wir eine neue Wohnung kriegen sollten, wo viel Renovierungsarbeit auf uns wartete.

Der nächste Tag ist Geschichte. Zumindest Familiengeschichte. Ein Gespräch nach dem Nachtdienst, was wohl wird, wenn ich auf Mission gehe und mir passiert etwas. Wir bekommen Schiss. Was folgte, war ein Heiratsantrag wie er unromantischer nicht hätte sein können. In Boxershorts und T-Shirt mit Ringen unter den Augen von einer Nacht ohne Schlaf.

Wir bestellten das Aufgebot und einigten uns, wie wir die Sache mit der Wohnung noch vor dem Abflug unter Dach und Fach kriegen. Renovieren was das Zeug hält und was nicht fertig wird, muss halt bis zum ersten Heimaturlaub warten.

Wir gönnen uns sogar noch ein Wochenende in Prag, wo ein richtiger, romantischer, offizieller Heiratsantrag folgte.

Die Nerven sind wieder beruhigt und ich bin wieder „born to run“. Ich bin voll auf Linie meines Lebensmottos!

„Er hat Ihnen den Stempel gegeben. Glückwunsch, sie fliegen!“, so der Kommentar der Sekretärin des Chefarztes. Wie man auf gut wienerisch sagt: „Hätte ich keine Ohren, dann würde ich im Kreis lachen.“ Ich konnte meine Vorfreude kaum zügeln.

Im Inneren meiner frischgebackenen Ehefrau sah es aber anders aus:



 
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