Der gebissene General
Freitag, den 18. Februar 2011 um 09:09 Uhr |
Richard Lux-Rubenser | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Der gebissene General
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Bevor ich mit der eigentlichen Geschichte beginne möchte ich einen Umstand deutlich abklären:
Diensthunde werden im Zuge der Ausbildung darauf konditioniert, dass größere Menschenansammlungen meist nichts Gutes zu bedeuten haben. Sind diese Menschenansammlungen noch dazu mit Lärm verbunden – wie dies beispielsweise bei Demonstrationen oder in Fußballstadien der Fall ist – so bedeutet dies für den Diensthund meist Alarmstufe Rot.
Und so wie wir Menschen unterliegen auch Hunde Stimmungsschwankungen und reagieren entsprechend ihrer jeweiligen Tagesverfassung. Also kann man als Hundeführer manchmal sogar von seinem besten Freund überrascht werden…

Wir sitzen im großen Festsaal des Landespolizeikommandos Wien. Also ich und zwei Kollegen sowie eine Kollegin der Diensthundeeinheit Wien. Natürlich darf unser Einheitskommandant auch nicht fehlen. Mit uns sind etwa 70 weitere Polizistinnen und Polizisten anwesend. Weiters ist ein heftiger Auflauf an höchsten Führungsoffizieren der Wiener Polizei zu bemerken. Würde jetzt und hier eine Bombe detonieren wären  einige gut dotierte Posten frei, inklusive der des Landespolizeikommandanten.
Grund dieses Auflaufs ist eine Veranstaltung, bei der Ehrungen  wegen besonderer Verdienste vergeben werden. Ich bin zum Beispiel da, weil mein Diensthund vor einigen Monaten einen Bankräuber aufstöbern konnte.

Der Typ hatte nach einem erfolglosen Banküberfall ein Auto geraubt um damit zu flüchten. Einige Seitengassen weiter hatte er es wieder abgestellt und sich dann in einem Hinterhof versteckt. Dort hat ihn mein Hund dann auch gefunden. Die Festnahme durch die Kollegen von der WEGA verlief reibungslos. Alles Weitere war dann nur noch reine Formsache.
Für solche Amtshandlungen sitzt man dann einige Monate später im Landespolizei-kommando und bekommt in feierlichem Rahmen ein Dekret, nette Worte und einen Händedruck des Polizeichefs.

Aber heute sollten wir doch ein wenig Mehr geboten bekommen.

Wir Diensthundeführer hatten uns schon vor Beginn der eigentlichen Ehrung im Foyer getroffen. Es wurde uns dort mitgeteilt, dass doch wenigstens einer den Hund zur Ehrung mitgenommen werden sollte. Wegen der Fotos und so.

„Also ich sicher nicht!“, war sofort mein Statement, „Mein Hund ist bei solchen Anlässen absolut unruhig!“
„Meiner auch“, tönt gleich der nächste Kollege und der Dritte: „Also meiner ist einfach zu hässlich. Der schaut sicher nicht gut aus auf einem Foto.“
(So gesehen passen die Zwei perfekt zusammen.)


Unsere Kollegin aber hatte  kein Problem ihren Hund mit in den Festsaal zu nehmen. Weil der Verdi (ja der Hund heißt wirklich so!) Menschen gegenüber absolut sozial und freundlich ist. Im Alltag. Unter normalen Verhältnissen.
Wer hätte auch gedacht, dass da bei der Ehrung jetzt nach jeder Wortmeldung ein Musikstückl gespielt wird. Und an den ständigen Applaus hat auch keiner gedacht.

Nun ja, die Veranstaltung nahm also ihren Lauf. Wir hatten uns Sitzplätze im hinteren Drittel des Saales gesucht. Die Kollegin mit dem Verdi saß naturgemäß am äußeren Rand, sodass der Hund auch genügend Platz zum Liegen hatte. Wie es der Zufall wollte, befand er sich dort keine zehn Meter von den vier Kollegen der Polizeimusik entfernt, die allenthalben eine fröhliche Melodie anstimmten. Offensichtlich hatten sie alle Kennmelodien aktueller und ehemaliger Krimi-Serien und Kriminalfilmklassiker einstudiert, die sie nach jeder kurzen Ansprache für einige Takte anstimmten. Vom „Kommissar“ über „Derrick“ bis zum „Rosaroten Panther“ war alles zu hören.
Also ganz ehrlich: ich fand’s originell. Und mir hat’s  gefallen!

DEM VERDI ABER NICHT!!!

Der Verdi hatte offensichtlich was gegen all die Musikstückln. Obwohl er Verdi heißt. Nach dem italienischen Komponisten. Aber irgendwie war ihm das ziemlich egal an diesem Tag. Denn er bellte von Mal zu Mal kräftiger mit und die Kollegin hatte ihre liebe Mühe, ihn immer wieder zu beruhigen.
Und es dauerte eine ganze Weile, bis sie endlich drankam. Sie – also eigentlich der Verdi – hatte nämlich bei einem Spezialeinsatz eine große Menge Bargeld gefunden. Der Verdi ist nämlich Bargeld- und Dokumentenspürhund. Ja das gibt’s wirklich. Der Hund kann tatsächlich Bargeld suchen. Er erkennt das am speziellen Geruch der Druckfarben und dem verwendeten Spezialpapier. Und brauchen tut man so einen Hund speziell bei Amtshandlungen im Rahmen der Organisierten Kriminalität. Dort, wo große Mengen Bargeld hin und her geschmuggelt werden. Oder eben Dokumente. Also bei Menschenhandel, Drogenhandel, Waffenschiebereien usw. usw..
Und da hatte der Verdi also zugeschlagen und einen ordentlichen Batzen Geld gefunden. Und die Kollegin hat sich gefreut und die Kieber…, also die Kriminalbeamten haben sich auch gefreut. Und deswegen wurden die Kollegin und der Verdi an diesem Tag geehrt.


Und dann wurden sie aufgerufen. Die Kollegin und der Verdi. Der Verdi war schon ganz nervös von der Klatscherei und der ganzen Musik. Dann musste er durch all diese Leute durch, die auch wieder alle geklatscht haben. Und dann kam plötzlich von rechts vorn einer auf ihn zugekrochen und  blitzte ihm mitten ins Gesicht.
Und da ist dem Verdi jetzt aber endgültig die Geduld gerissen!!! Weil so geht’s ja wirklich nicht! Der Verdi konnte ja nicht wissen, dass das ein Pressefotograf war, der nur ein Foto von ihm machen wollte. So von Angesicht zu Angesicht quasi.
Eigentlich hätte ja auch gar nichts passieren können. Weil die Kollegin hatte den Verdi ja an der Leine. Einen Maulkorb hatte er natürlich auch auf der Verdi. Aber wie das so ist bei schlauen Hunden. Und eins könnt ihr mir glauben, der Verdi ist nicht nur schlau, der ist ein richtiger Professor. Der war ja kein Jungspund mehr, sondern schon ein alter Haudegen. Der kannte da schon alle Tricks und Kniffe. Der Verdi wusste auch genau, was er jetzt zu tun hatte. Nämlich mit einem kräftigen Ruck seines Kopfes nach hinten und unten aus dem Halsband zu schlüpfen. Der positive Nebeneffekt bei dieser Methode: der Maulkorb geht auch gleich mit runter.  Da kann man als Hundeführer fast gar nichts dagegen tun. Wenn das dein Hund einmal gelernt hat, kann er das. Und wenn’s ihm einfällt, schlüpft er dir mir nix dir nix aus dem Bandl und ist weg.
Die Kollegin war da jetzt ein bisserl perplex. Und während sie gerade dabei war, ihre hinuntergefallene Kinnlade unter Kontrolle zu bringen, wollte der Verdi eigentlich dem Fotografen mitteilen, dass man einem Diensthund besser nicht ins Gesicht blitzt. Schon gar nicht wenn man auf dem Boden kniet.
Just in diesem Moment stellte aber einer sein Bein zwischen den Fotografen und den Verdi. Einer, der der Kollegin die Hand geben und ihr gratulieren wolle. Zufällig der Wiener Landespolizeikommandant.
Das war dem Verdi jetzt aber auch nicht recht. So teilte er also diesem Herrn in der blauen Hose mit, dass er sein Bein besser woanders hintut, damit sich der Verdi kurz mit dem Fotografen unterhalten kann. Er tat dies, indem er den Herrn ganz einfach herzhaft in den Oberschenkel zwickte. Nicht so halbherzig. Nein, richtig herzhaft.
Der Herr Landespolizeikommandant verstand auch gleich was der Verdi wollte und stellte dann sein Bein woanders hin. Der Verdi hätte sich jetzt also ungestört dem Fotografen zuwenden können.
Die Kollegin aber war in der Zwischenzeit wieder der Sprache mächtig und sagte nur kurz dem Verdi seinen Namen. Der Tonfall wie sie das sagte, verhieß aber gar nichts Gutes, weshalb der Verdi seine Unterhaltung mit dem Fotografen auf später verschob und erstmal eine Runde drehte, um sich dann unter Anwendung aller ihm zur Verfügung stehenden Beschwichtigungssignale doch wieder neben sein Frauerl zu setzen.

Das folgende sei kurz gehalten: Die Kollegin versah den Verdi wieder mit Maulkorb, Halsband und Leine. Die Ehrung wurde planmäßig abgehalten und später wurde auch noch ein Foto mit Kollegin, Verdi und Landespolizeikommandant gemacht.
Da hatte sich der Verdi schon wieder beruhigt und war wieder sozial und nett wie immer!

Aber eins ist mir aufgefallen in den Sekunden, nachdem der Verdi den General in den Oberschenkel gezwickt hatte: da ging ein Raunen durch die Menge und da sah man im Publikum einige betretene Gesichter. Aber man sah viel mehr grinsende Gesichter! Und einige der Grinsenden streckten sogar im Verborgenen einen Daumen in die Höh’ oder machten mit Zeige- und Mittelfinder das Victory-Zeichen oder zwinkerten später dem Verdi verschwörerisch zu.
Die Kollegin hat den Verdi dann gleich ins Auto gebracht, sonst hätte ihm vielleicht beim Buffet noch jemand ein paar Würstel zugesteckt.

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