Die Lagerhaus-Welle
Freitag, den 04. Februar 2011 um 09:21 Uhr |
Daniela Bauer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Lange bevor ich im polizeireifen Alter war, habe ich mich dank einer verstorbenen österreichischen Kaiserin bilden müssen. Ich begann mit der Volksschule, natürlich folgten weitere bildungstechnische Hürden, aber das tut hier nichts zur Sache.
In der Volksschule, es war eine im ländlichen Bereich, war gleichzeitig auch eine sogenannte „Sonderschule“ untergebracht. Vor etwa – ich möchte nicht nachrechnen, wie vielen Jahren – hatte man das Wort „Integrationskind“ noch nicht erfunden. Also hat man jene Kinder, die nicht ganz dem damaligen Verständnis von Intelligenz entsprachen, einfach in diese  Sonderschule gesteckt. Das war in Wirklichkeit eine einzige Klasse, besetzt von Kindern eines riesigen Einzugsgebietes. Gott sei Dank gab es nicht so viele Kinder, welche die „Begabung“ für diese Bildungseinrichtung aufwiesen. Kann schon sein, dass man damals ein paar Kinder einfach zu Hause versteckt gehalten hat.

Es hat in unserer Schule keine Pausenhalle gegeben. Somit mussten alle Kinder während der Pausen im Schulhof verweilen, und zwar so lange, bis es draußen so kalt war, dass die Lärmerregung durch das Zähneklappern unerträglich wurde. Durchschnittlich war dieser Punkt Mitte November erreicht. Im idyllischen Pausenhof hat es Fließwasser gegeben, ein einziges Wasserbecken prangerte an der Wand. Man hätte dies vermutlich zum Stillen von Durst aufsuchen können.
Aber Kinder sind grausam. Und deshalb haben die selbsterkorenen Mini-Schulhelden den armen Sonderschüler Johann kategorisch während jeder Pause mit dem Kopf ins Wasserbecken gedrückt und den Wasserhahn aufgedreht. Nach vollzogener Untat protzten die Mini-Helden vor Stolz, die mittlerweile herbeigeeilte 2. Beliebtheitsliga, allesamt heranwachsende Männer, gratulierte mit lautem Grölen und einheitlichem Arme-in-die-Höhe-reißen.  
Jeden Tag, so lange, bis das Wasser vom Schulwart abgedreht wurde, weil sonst die Leitung eingefroren wäre, haben sie Johann die Haare gewaschen.  An Ausdauer hat es weder den Zeugen, noch den Beschuldigten und leider auch nicht dem Opfer gemangelt. Ich habe mir damals schon gedacht, dass das Folgen haben wird.
Dieses Arme-in-die-Höhe-reißen, verbunden mit Grölen, das habe ich übrigens in meiner Jugend namentlich benennen gelernt. Gott sei Dank, sonst würde ich vielleicht bis heute annehmen, es handle sich um ein urzeitliches und von Tieren übernommenes Verhalten (und das haben sich die Tiere nicht verdient). Jedenfalls war ich bei einem Bundesliga-Match. Ich bin damals nur mitgefahren, um mir meinen Status als ländliche „Alpha-Frau“ zu erhalten.  Während des Sportereignisses habe ich mehrfach beobachtet, wie sich das Publikum der Reihe nach von den Sitzen erhebt, die Arme in die Luft schmeißt und dabei grölt.  „La Ola-die Welle“, nannte man das, ließ mich der Alpha-Mann neben mir wissen. 



 
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