Kennen Sie Gnesig?
Sonntag, den 02. Januar 2011 um 16:43 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Kapitel 1 des Buches
"Baltische Passion - Eine leidenschaftliche Reise"

Ein fast nicht enden wollendes Kopfschütteln begleitete die letzten Eintragungen des Arztes in die Akte.
„Wie alt, sagen Sie, sind Sie jetzt?“, fragte der Mediziner über den Rand seiner Lesebrille hinweg.
„Dreißig.“, antwortete Thorn. „Also eher dreiunddreißig.“
Er räusperte sich.
„Also was jetzt?“
Streng starrte der Arzt ihn an.
„Dreiunddreißig.“
Und nach einer kurzen Pause fügte Thorn hinzu.
„Seit zwei Wochen.“
Väterlich lächelte der Arzt seinen Patienten an.
„Da brauchen Sie sich jetzt aber nicht schämen dafür. Das ist ja kein Alter.“
Thorn entspannte sich daraufhin sichtlich und auf seinem Gesicht zeigte sich der Anflug eines Lächelns. Der Arzt streckte den Rücken und begann mit dem Kugelschreiber auf den Tisch zu trommeln.  „Aber dass Sie in dem Alter mit dem Blutdruck und vor allem mit dem Cholesterinspiegel schon so bedient sind, ist eine veritable Schande. Ich schick’ Sie auf Erholung. Mit einem anständigen Ernährungs- und Bewegungsplan. Welche Kasse haben Sie?“
„Beamte.“, kam leise die Antwort.
„Wie?“
„Beamte, sagte ich.“
„Hervorragend! Da hätten wir was ganz Wunderbares. Waldviertel. Absolute Ruhe. Diätküche. Schonendes Bewegungsprogramm.“

Thorn verzog angewidert das Gesicht.
„Waldviertel?“
In seinem geistigen Auge sah Thorn sich bereits durch den von Wildschweinrotten aufgewühlten Waldboden am Rande des Truppenübungsplatzes Allentsteig robben. Angetrieben von einer reschen Waldviertlerin mit Damenbart und Kopftuch.
„Hätten Sie nichts am Meer für mich?“
Der Arzt schnaubte kurz durch die Nase. Dann zog er eine silberne Schnupftabakdose aus der Tasche seines Arztkittels. Er schnupfte eine ordentliche Portion und wischte sich mit einem unappetitlichen Stofftaschentuch die Reste seiner Aktion aus den Nüstern und vom angegrauten Oberlippenbart.
Wieso in drei Teufels Namen wollte von den jungen Leuten heutzutage keiner ins Waldviertel? Es gab doch nichts Wildromantischeres als die Gegend um Zwettl, wo sich, wenn auch etwas abgeschieden von jedweder Form der menschlichen Zivilisation das von ihm beworbene Kurheim befand.
Der Arzt legte kurz die Stirn in Falten, musterte seinen Patienten und eröffnete schließlich eine Art letzten Versuch:
„Sie sind doch Beamter, oder?“
Thorn antwortete mit einem Kopfnicken. Die Verwirrung in seinem Blick ob dieser Frage, deren Antwort der Arzt ja sowieso kannte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er erwartete schon fast den Nachsatz: „Dann gehorchen Sie brav und fahren ins schöne Waldviertel!“
Aber nichts dergleichen. Stattdessen frug der Arzt weiter:
„Und da sind Sie ja gewöhnt daran unter widrigsten Umständen ein Optimum aus der jeweiligen Situation heraus zu holen, oder?“
Thorn nickte vorsichtig und erwartete, dass jetzt endlich der ultimative Marschbefehl ins Waldviertel wie eine Guillotine auf ihn niedersausen würde.
Wieder nichts.



 
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