Rayonsinspektor Possinger beim Fußball
Freitag, den 18. Juni 2010 um 12:30 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Rayonsinspektor Possinger beim Fußball
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Possinger war zerknirscht. Seit er vor einigen Jahren auf einem Spaziergang zum Dornbacher Pfarrheurigen am Fußballplatz des Wiener Sportclubs vorbeigekommen war, war er glühender Anhänger der Schwarz-Weißen.

Nun hatten es seine Helden tatsächlich geschafft, zum dritten Mal in Folge in dem für Klubmannschaften der gesamten Donaumonarchie veranstalteten Challenge-Cup das Endspiel zu erreichen und er hatte Dienst. Das einzig Positive war, dass er dann doch von seinem Wachkommandanten zum Inspektionsdienst auf den Fußballplatz auf der Hohen Warte abkommandiert wurde.

Von den umliegenden Stationen der Straßenbahnlinien 37/40, G² und D strömten die Massen in das idyllisch gelegene Stadion. Nicht wenige davon unterhielten sich schon darüber, bei welchem der zahlreichen Heurigenlokale man den Fußballnachmittag ausklingen lassen wollte.

Possinger hatte ganz andere Sorgen. Zum einen das schwüle Wetter, das seine Uniform in eine Sauna und seine Pickelhaube in einen Druckkochtopf verwandelte. Zum anderen die bevorstehende Diensteinteilung. Nichts wäre schlimmer, als ein Standort, von dem aus er das Spielgeschehen nicht verfolgen könnte.

Die Mannen der k.k. Sicherheitswache hatten hinter der westseitigen Holztribüne Aufstellung genommen und erwarteten den Auftritt des Kommandierenden. Es handelte sich um den stellvertretenden Kommandanten des Kommissariates Döbling. Der Kommandant selbst bevorzugte die klassischen Künste und überließ das Fußballstadion nahe seiner Kommandantur dem Plebs und damit seinem dem Wein und allem Weltlichen nicht gerade abgeneigten Stellvertreter. Der „Schluck-Hansl“, wie der soeben erscheinende, rotgesichtige Major von den Untergebenen hinter vorgehaltener Hand genannt wurde, schritt die angetretene Truppe ab, musterte die Adjustierung und grüßte den einen oder anderen, den er persönlich kannte. In seiner kurzen Ansprache ermahnte er jeden einzelnen zur Aufmerksamkeit, fügte dann aber mit einem süffissanten Grinsen hinzu, dass die auf der Laufbahn eingeteilten Beamten gelegentlich einen Blick auf das Spielfeld werfen sollten, damit ihnen nicht der Ball von hinten auf das Haupt fliegt. Schließlich habe man, wenn man in Diensten seiner Majestät des Kaisers stand, ja auch einen Ruf zu wahren.

Der Anpfiff rückte näher und die Polizei besetzte ihre Posten. Possinger war für die Sicherung der Laufbahn hinter dem südlich gelegenen Tor eingeteilt. Auf dem Weg dorthin staunte er nicht schlecht, als er zwei alte Bekannte traf. Der schwindsüchtige Horvath, seines Zeichens Hausmeister eines Wohnhauses in Possingers Rayon schritt Arm in Arm mit Madame Elvira, einer alternden Dirne, die in selbigem Hause wohnte, auf das Stadion zu.
Zu seiner Überraschung musste Possinger feststellen, dass Madame Elvira ein Fähnchen in den Klubfarben des Gegners in Händen hielt.



 
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