Eine Erinnerung an meinen Vater
Freitag, den 04. Juni 2010 um 12:20 Uhr |
Josef Thaler | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Eine Erinnerung an meinen Vater
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Als ich einmal mit meinem fast erwachsenen Sohn Stefan in einem Gastgarten saß und wir über Dies und Das plauderten, fragte er mich plötzlich, wie denn sein Großvater – also mein Vater – so gewesen sei. Das wunderte mich nicht allzu sehr, denn Stefan war erst nach seinem allzu frühen Tod auf die Welt gekommen und so wusste er von ihm nur aus den spärlichen Erzählungen meiner Mutter. Nun, wie er ausgesehen hatte wusste Stefan, hing doch ein großes Bild meines Vaters über der Essecke im Wohnzimmer meiner Mutter.

Unschlüssig, wie ich anfangen sollte, dachte ich über Dies und Jenes nach, worüber ich meinem Sohn denn berichten könnte. Mir fiel jedoch nichts Rechtes ein. Aber an eine Begebenheit kann ich mich nach all den Jahren noch gut erinnern. Weil sie eben so typisch für meinen Vater war. Und so erzählte ich meinem Sohn Stefan folgende Geschichte:
„Ich war damals so um die zehn, elf Jahre alt. In der Siedlung, in der heute noch deine Großmutter wohnt, ging es damals ziemlich hoch her. Wir waren damals eine Bande von zehn bis fünfzehn gleichaltrigen Buben. Fernseher hatten Anfang der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts auch noch nicht alle. Und wenn, dann gab es maximal fünf Programme. Wir hatten damals weiß Gott etwas Besseres zu tun als vor der Glotze zu sitzen.
Unser liebstes Spiel war das Indianerspiel. Wir hatten hinter der Siedlung zwischen der Straße und dem Bahndamm ein verwildertes Gelände, auf dem wir herrlich spielen konnten. Es wurden zwei Gruppen gebildet. Die einen waren die Apachen und die andern die Kiowas, welche laut Karl MAY die größten Feinde der Apachen waren. Das wusste damals jeder und so kannst du dir vorstellen, welch gewaltige Schlachten da auf diesem verwilderten Gelände ausgetragen wurden. Das ging nicht immer ohne Verletzungen ab, weshalb unsere Eltern unserem Treiben mit wachsender Sorge entgegensahen. Deren größte Angst war es, dass wir uns mit unseren selbst gebastelten Flitzbögen ein Auge ausschießen könnten. Derlei Vorfälle standen damals noch in den Lokalteilen der Tageszeitungen und so wurden wir dahin gehend des Öfteren eindringlich ermahnt. Mitunter auch unter Androhung furchtbarster Strafen, welche darin gipfelte, dass wir umgehend in ein Erziehungsheim kommen würden, wenn so etwas jemals passieren sollte.
Darum kamen wir in einem feierlichen Pow Wow überein, auf unseren Pfeilen alte Weinkorken aufzustecken. So war die Gefahr des Augeausschießens gebannt. Außerdem kamen ein paar ganz gefinkelte Buben darauf die Korken anzukokeln. Da sah man nämlich genau wo der Pfeil den Gegner getroffen hatte und so konnte man denjenigen ohne großen Aufwand für tot erklären.
Doch eines Tages war bei den Kiowas ein Junge dabei, der hatte doch tatsächlich auf seinem Pfeil einen Nagel befestigt. Wir bemerkten es und wiesen unsere Gegner darauf hin. Die reagierten jedoch nicht so richtig. Das kam daher, weil der andere Junge ziemlich groß für sein Alter war und sich zudem als Häuptling aufspielte. Keine Frage, seine eigenen Leute hatten Angst vor ihm.
Und so kam wie es kommen musste. Die gegenseitigen Schmähungen und Beschimpfungen wurden immer lauter und heftiger. Da schoss dieser Junge plötzlich mit seinem Pfeil in unsere Richtung und zwar genau auf mich. Ob das Absicht gewesen war, kann ich heute nicht mehr sagen. Jedenfalls traf er mich und zwar in meinen Allerwertesten. Der Pfeil blieb kurz stecken und fiel dann herunter. Es war nicht viel mehr als ein Nadelstich. Doch mich packte der geheiligte Zorn. Das musste mir der andere Junge vom Gesicht abgelesen haben, denn unmittelbar nach dem Schuss ließ er seinen Bogen fallen und gab Fersengeld. Ich hinter ihm her, ohne Nachzudenken, dass er doch um einen halben Kopf größer und sicherlich viel stärker war als ich. Allerdings war ich schneller und so holte ich ihn nach einer Weile ein und brachte ihn zu Fall. Dann bearbeitete ich ihn nach allen Regeln der Kunst. Er wehrte sich natürlich und so kam ich erst wieder zur Besinnung als ich ein lautes Reißen hörte. Ich ließ von ihm ab und er lief davon.



 
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