Nimm lieber mich
Dienstag, den 20. April 2010 um 14:41 Uhr |
Hermann Szodl | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Michael ist Kraftfahrer. Er fährt einen 40-Tonner für die Obst-und Gemüsegenossenschaft in Simmering. Die Arbeit gefällt ihm zwar gut, aber er wäre viel lieber in der großen Halle beschäftigt gewesen. Dort könnte er mit dem Gabelstapler fahren. Seine geheime Leidenschaft. Beim Verladen, wenn der Aufseher nicht da war, durfte er hie und da mit dem Stapler fahren, fand er seine wahre Berufung. Hei war das eine Freude. Die Palletten waren im nu angehoben. Im Slalom ging es dann im heißen Schritttempo zum LKW. Dort wurden sie angehoben und in den Laderaum gewuchtet. Und schon ging es retour um den nächsten Stapel zu holen. Ja, das wäre eine Freude.

Da müsste er sich nicht dauernd im Großstadtverkehr von Wien abärgern. Michael fährt jetzt schon 15 Jahre mit dem Gemüse von der Genossenschaft auf den Großmarkt in Inzersdorf und retour. Am Tag drei Mal dieselbe Tour. Heute ist Michael besonders gut gelaunt. Gestern kam der Immobilienmakler zu ihm und seiner Frau und präsentierte ihr neues Eigenheim. Es war erschwinglich und die alte Dame welche beabsichtigte das Haus zu verkauften, ging nun doch in das Altersheim welches ihre Kinder für sie ausgesucht hatten. Die Dame war pflegebedürftig und die Kinder waren allesamt arbeitstätig. Sie konnten sich um ihre alte Mutter nicht mehr kümmern. Nun ihm konnte es egal sein, Hauptsache das Haus stand zum Verkauf an. Es wird zwar schwierig, die Frau war im achten Monat schwanger, aber mit dem Ersparten und mit Hilfe der Eltern war das schon zu schaffen. Der Stammhalter soll schon im neuen Haus zur Welt kommen. Das Haus stand im 10. Bezirk nächst dem „Böhmischen Prater“ in einer Hanglage. Von dort konnte man bei klarem und schönem Wetter über die Donau bis zur UNO-City sehen. Die Luft war dort klar und man wähnte sich auf dem Land. Der Vertrag war schnell unterschrieben. Jetzt fehlte nur noch ein kleiner Kredit und die Sache war geritzt. Eine Formalität.
„So der Aufleger ist voll. Die Papiere hast ja schon“ ruft Karl vom Gabelstapler. Er springt von seinem Arbeitsgerät und schließt die hintere Bordwand. „Pfiat Di du Häuslbesitzer. Beeil Dich dass ma noch des ane oder andere Bier schnupf`n können. Des gehört ordentlich gefeiert.“ Michael winkt aus dem Führerhaus und sagt etwas, aber er ist durch die geschlossene Seitenscheibe nicht zu hören. Der Motor brummt laut auf und langsam setzt sich der schwere LKW in Bewegung. Eine Tour noch dann ist endlich Feierabend.
Mein Name ist Hermann SZODL, ich bin Revierinspektor und ich mache Dienst im 11. Bezirk. Um 05:00 Uhr bin ich aufgestanden. Rein ins Bad und anschließend einen Kaffee mit der ersten Zigarette des Tages. Mein tägliches Frühstück. Angezogen und rein in das Auto. In die Arbeit hatte ich 60 Kilometer zu Fahren. Um 06:20 Uhr traf ich in der Kaiser Ebersdorfer Straße ein. Ein schöner Sommertag breitete verschwenderisch sein Licht über das Land und die Stadt. Am Nachmittag würde die Luft über dem Asphalt der Straßen wabern. Na, mal schauen wie der Tag wird. „Servas Komantsche, heut reit ma gemeinsam in die Prärie. Freie Jagd. Kana wü was von uns. Das zweite Nummer habns uns gem. Paaast“ empfängt mich der Wiener Kollege Gerhard M. Das bedeutet das wir von 10:00 Uhr bis 13:00 Uhr und von 16:00 Uhr bis 19:00 Uhr im Funkwagen unterwegs sind. Rein in die Panier. Die Waffe aus dem Spind geholt und umgeschnallt. Letzte Kontrolle ob alles da ist. Kugelschreiber, noch ein Kugelschreiber und noch einer. Das Organmandatsbuch. Das Dienstbuch. Den Melderschlüssel, welcher die Schlösser der Ampelanlagen sperrte. Die Signalpfeife an der Kordel und der Stiegenhausschlüssel für die Gemeindebauten. Die Rehledernen, gemeinhin Handschuhe genannt, in den Gürtel geklemmt. Die Sonnenbrille in die Brusttasche und die Revierler-Streifen auf die Schulterklappen gezogen. Die Handschellen und das Reservemagazin wurden in den dafür vorgesehenen Taschen am Gürtel verstaut. Zu guter Letzt kam die Gummiwurscht in die lange Gesäßtasche.



 
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