Das "gefundene" Baby
Donnerstag, den 01. Juli 2010 um 14:17 Uhr |
Johann Bednar | Geschichten & Gedichte - Geschichten

In diesem Kapitel springe ich mal zurück in das Jahr 1976, genau gesagt der 4.10.1976, es war die Anfangszeit meiner polizeilichen Laufbahn. Ich hatte meine Ausbildung gerade ein Jahr hinter mir, und wurde mit einem zweiten jungen Kollegen auf die Menschheit losgelassen.
Mein Kollege war ja noch ein ganz neuer „Frischling“, war er ja erst seit wenigen Monaten bei uns in Margareten am Wachzimmer Spengergasse stationiert.
Kollege Reinhard K. und ich fuhren am Funkwagen „Emil 1“ und „zottelten“ in der Gegend herum, auf der Suche nach zahlungskräftigen Verkehrssündern. Gegen 17.45 Uhr, ereilte uns ein Funkspruch unserer Funkstelle, in der Mauthausgasse hörten Hausbewohner aus einer Mülltonne wimmernde Geräusche, es wurde angenommen, dass die Geräusche von einer Katze stammen könnten.

Armes Tier, also Blaulicht und Folgentonhorn und wir quälten uns durch den aufkommenden Abendverkehr. Wir meldeten brav der Funkstelle unser Eintreffen und schauten mal nach was sich da so abspielte.
Einige Hausbewohner standen schon „Hab acht“ im Hausflur und zeigten uns die Mülltonne, standen doch drei Mülltonnen im Hausflur. Aus dem angezeigten Mistkübel war kein Laut zu hören. Ich öffnete die Tonne und war innerlich gefasst eine Katze vorzufinden.
Ich fand unter dem Berg von Müll einen Nylonsack, der blutige Spuren aufwies. Ich nahm den Sack heraus, öffnete diesen und dann blieb mir echt die Spucke weg. In dem Sack lag ein Baby.
Ich weiß nicht mehr was ich damals gedacht habe, vermutlich war mein Hirn in dieser Sekunde leicht blutleer.
Das Baby, war im ersten Augenblick als blutverschmiertes Bündel zu erkennen, das sich nicht regte. Ich nahm das Baby aus dem Nylonsack raus und schrie die Hausbewohner die genauso erschrocken aus der Wäsche schauten wie ich an, sie sollten sofort eine Decke bringen. Ich musste zweimal schreien, da die Leute wie versteinert herumstanden. Mein Kollege verschwand eiligst aus dem Hausflur, ich glaube er ging kotzen, was ihm nicht zu verdenken war.
Irgendein Hausbewohner tauchte mit einer Decke auf und ich legte das Baby auf die Decke am Boden.
Es war kein Lebenszeichen von dem Kind vorhanden und ich begann den kleinen Mund von Blutresten zu säubern. Ich begann so wie ich es gelernt habe, mit Mund zu Mundbeatmung und Herzmassage. Mit drei Fingern drückte ich den kleinen Brustkorb auf und ab und beatmete das Kind. Mein Kollege hatte über Funk den Rettungsdienst verständigt, und es wurde dann mitgeteilt, dass die Rettung im Verkehr steckte.
Keine Ahnung wie lange ich beatmet und gedrückt habe, als das Baby plötzlich zu schreien angefangen hat. Ich weiß nicht was mir in die Hose gerutscht ist, ich glaub es war ein Felsen und kein Stein mehr. Ich hatte die ganze Zeit während der Massage und der Mund zu Mund Beatmung Angst dem Kind weh zu tun. In der Polizeischule haben wir ja dies gelernt, auf einer Puppe und nicht bei einem Neugeborenen.
Endlich war das „trara“ der Rettung zu hören. Ein „echt super Ton“ fand ich damals. Der Rettungsarzt übernahm das Baby und mir wurde erst jetzt so richtig bewusst was da geschehen war. Ich muss gestehen mir kam damals meine 6-jährige Arbeitszeit als Obduktionsassistent auf der Pathologie zu gute. Ich hatte keine Scheu vor Blut oder so, das war echt hilfreich. Mein Kollege hatte immer noch eine Gesichtsfarbe wie ein Käselaib. Der Arzt meinte zu mir schulterklopfend : „Sehr gut gemacht, Herr Inspektor!“
Fairerweise muss ich gestehen, mein Gesicht habe ich nicht gesehen, ich weiß nur dass mir ein Mann von der Rettung mein blutverschmiertes Gesicht gereinigt hatte.
Kollegen von der Kripo tanzten auch auf und es wurde die Mutter des Baby auch gleich ausgeforscht, die zu Hause im gleichen Haus entbunden hatte und das Kind in die Mülltonne warf.
Wir fuhren zu unserem Wachzimmer, ich tippte die Meldung und dann ab nach Hause wo ich den Vorfall erst verdauen musste.
Es war eine der aufregendsten Amtshandlungen, die ich erlebt habe. Was aus dem kleinen Mädchen geworden ist habe ich nie erfahren.

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