Ein "armes Schwein"
Freitag, den 13. November 2009 um 14:02 Uhr |
Johann Bednar | Geschichten & Gedichte - Geschichten

In der letzten Zeit kamen wir vom Flughafen überhaupt nicht los. Schlag auf Schlag kamen die Transporteure aus Südamerika nach Europa, nach Wien.
Unsere Frauen kündigten uns schon die Freundschaft, denn zu Hause waren wir äußerst selten anzutreffen und alte Freunde kannte ich nur noch von Fotos.
Wir hatten unter den Suchtgifttransporteuren schon die verschiedensten Menschen kennen gelernt. Typen die wir am liebsten durch den Fleischwolf gedreht hätten und dann die „armen Schweine“, die für einen Hungerlohn von irgendwelchen Mafia ähnlichen Vereinen los geschickt wurden. Den Organisationen sind diese Menschen total wurscht. Es kümmerte sie einen Dreck, ob diese Leute in irgendwelchen Haftanstalten zu Grunde gehen und ob ihre Angehörigen und Kinder einen Hungertod sterben – vollkommen egal! Was zählt ist der Profit.

So ein armes Schwein erwischten wir in den 90iger Jahren am Flughafen. Eine kleine zierliche Frau, mit einem etwas ungepflegten Äußeren erregte unsere Aufmerksamkeit, denn sie schleppte einen nagelneuen Hartschalenkoffer durch die Gegend. Der Koffer passte zu ihr wie ein Ferrari zu einem Unterstandslosen. Also war eine Kontrolle angesagt.
Bei der Frau handelte es sich um die Bolivianerin Rosario V. , 31 Jahre alt. Quatschen konnten wir mit der Frau nicht, sie sprach weder deutsch noch englisch und wir nicht spanisch. Wir gaben ihr zu verstehen, dass sie den Koffer öffnen sollte, und räumten den Koffer, in dem sich nur wenige Kleidungsstücke befanden, aus. Uns kam der Koffer trotzdem verdächtig schwer vor.
Im Zuge der Amtshandlung fiel uns schon auf, dass sie ihren rechten Arm immer fest an ihren Körper presste, schenkten dem allerdings vorerst nicht viel Bedeutung. Der Koffer war viel interessanter, denn er hatte doppelte Wände. Taschenmesser raus, und wir begannen die innere Seite des Hartschalenkoffers vorsichtig zu lösen. Und siehe da, es begann zu schneien – Kokain kam zum Vorschein! Na wieder einmal ein toller Fang.
Wir holten eine Kollegin, die eine Leibesvisitation bei der Frau durchführen musste. Nach der Untersuchung kam die Kollegin zu uns und teilte uns mit, dass die Frau eine ganz primitive Prothese statt des rechten Armes hatte.
Wir schnappten uns den Koffer und die Frau und ab ins Büro zur Vernehmung.
Der Dolmetscher übersetzte uns dann den Leidensweg der Frau. Sie stammte aus einer ganz armen Familie in Bolivien, die in einer Lehmhütte mit ihren zwei Kindern lebte. Sie wurde von skrupellosen Vögeln angeheuert, eine Reise nach Europa durchzuführen. Flugticket und ein paar Dollars wurden ihr in die Hand gedrückt. Einen Rückflug der Frau dürften die Auftraggeber gar nicht in Betracht gezogen haben, denn bei dem Ticket handelte es sich um ein one-way-Ticket. Sie sollte nach Italien reisen, dort würde sie erwartet werden und sollte den Koffer übergeben. Als Belohnung wurde ihr eine neue Armprothese aus der USA versprochen. In gutem Glauben sagte die Frau zu und führte den Transport durch. Was sie genau transportierte war ihr nicht einmal bekannt. Die Behinderung hatte die Frau schon seit ihrer Geburt.
Bei dieser Amtshandlung zeigten auch wir hartgesottenen Kieberer Gefühl und hatten echt Mitleid mit der Frau. Um so mehr verstärkte sich der Zorn und Hass auf die Hintermänner solcher Aktionen! Denen es scheiß egal war, was mit solchen Leuten geschieht. Wichtig ist ihnen nur der Profit.
Wir haben dann auch in unseren Berichten vermerkt welches Schicksal wir da „eingefangen hatten und es kam auch bei Gericht an. Ich weiß nicht mehr wie hoch die Haftstrafe ausfiel, war aber sehr gering.
Was mit der Frau dann noch geschehen ist, als sie abgeschoben wurde: keine Ahnung. Wie sich ihre Kinder während der Abwesenheit ihrer Mutter über Wasser gehalten haben: keine Ahnung.
Es sind diese Amtshandlungen wo man am Abend nach Hause kommt, in die Geborgenheit, sehr nachdenklich wird und erinnert wird welch „arme Schweine“ es gibt.

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