Dvorak, der Kanzleirat und Jules Verne...
Samstag, den 01. August 2009 um 13:28 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten

...oder "Rayonsinspektor Possinger und das Französische"

Madame Elvira, die alternde Edel-Dirne aus der Spittelberggasse, hängte gerade Büstenhalter vom Format eines mittelgroßen Zirkuszeltes im Hinterhof des Zinshauses auf.
Im Hof waren die Mädchen mit Tempelhüpfen beschäftigt, während die Buben eine Filzkugel mit den Füßen vor sich hertrieben.
„Tor!“, schrie einer, nachdem er die unwuchte Kugel zwischen den Mistkübeln gegen den Holzverschlag gedroschen hatte.
„Jaaa!“, schrie ein anderer. „Zwei zu null für Simmering. Wieder der unglaubliche Swartosch!“
Aus dem Kohlenkeller, wo er angeblich seine Weinvorräte hortete wie eine Löwenmutter ihre Jungen, kam schnaufend der Hausmeister.

„Ja Himmel, Sakra. Schleicht’s Euch, Bankerten. Wenn ihr mir was kaputt schießt’s, dann verschiff ich Euch eigenhändig nach Afrika zu den Menschenfressern.“
Kreischend zerstreuten sich die Kinder durch das Stiegenhaus auf die Straße hinaus.
Der Hausmeister schüttelte den Kopf.
„Nein, nein. Keinen Respekt mehr. So g’winnt der arme Kaiser keinen Krieg mehr. Nein, nein…“
„Was faseln Sie da?“
Der Rayonsinspektor, der das Haus in der guten Hoffnung auf ein Achterl Grünen Veltliner aus dem schönen Gumpoldskirchen betreten hatte, stand in der Türe.
„Nichts, nichts. Ich hab’ nur gemeint, dass wir mit der Jugend von heute keinen Krieg mehr gewinnen werden!“
„Eh nicht!“, gab der Rayonsinspektor zurück. „Glauben Sie mir. Die nächsten paar Kriege gehen allesamt den Bach runter. Die Amerikaner werden uns den Arsch aushauen, dass uns hören und sehen vergeht.“
Der Hausmeister lachte.
„Ja, sicher. Und dann erzählen Sie mir vielleicht noch, dass die Amerikaner im nächsten Jahrhundert auf dem Mond landen werden.“
„Mitnichten, Herr Dvorak.“, antwortete der Rayonsinspektor ohne seine Miene zu verändern. „Neunzehnhundertneunundsechzig. Mit ein bissl Glück erleb’ ich das noch!“
„Na, ob das ein Glück ist?“, gab der Hausmeister zu bedenken. „Sie lesen eindeutig zu viel von diesem Franzosen. Gern Schwül, oder wie der heißt.“
„Jules Verne, heißt der, Sie Banause. Man merkt, dass Sie literarisch höchstens was für Dreigroschenromane übrig haben.“
„Kommen Sie mir nicht so, Herr Inspektor. Die Franzosen haben ja sowieso einen Pecker. Haben Sie schon gehört? Die fahren quer durchs Land mit dem Radl um die Wette! Trotteln, diese. Und dann hab ich gehört, die lassen sich eine Spritze geben, damit sie noch schneller fahren.“
„Na, wenn ich mit dem Radel zum Heurigen fahr’, dann geb’ ich mir auch einen Spritzer, damit ich wieder schneller fahren kann.“
„Scherzküberl. Also, ich kann mir nicht helfen. Ich mag das Französische nicht!“
„Ich schon, mes amis! Und, by the way, wie wir, die zusätzlich noch der englischen Sprache mächtig sind, zu sagen pflegen: Ist das Fräulein Lily heute zugegen?“, hörte man plötzlich die Stimme des Kanzleirats, der lässig in der Haustüre lehnte.
Sein Gesicht zierte ein Dreitagebart und die gerötete Nase zeugte von einem vorangegangenen und ausschweifenden Heurigenbesuch.
„Leider.“, tat der Hausmeister verzweifelt. „Aber die hat einen Verehrer, bei dem sie bisweilen auch zu Hause verkehrt. Er hat sogar schon durchblicken lassen, dass er sie als Hausangestellte in Dienst nimmt.“
Der Kanzleirat fuhr erschrocken hoch.
„Wirklich? Kann sie denn kochen?“
„Geh, Herr Kanzleirat. Das interessiert bei der Gestalt doch keinen, oder?“, mischte sich der Wachmann ein und formte dabei die Kurven eines Frauenkörpers mit den Händen in der Luft.
„Wenn’s eine brauchen, die kochen kann, müssen Sie sich eine Böhmin anstellen. Die haben tulli Maderl dort!“, fügte der Hausmeister hinzu und klopfte sich auf den Bauch.
„Das nützt mir jetzt aber auch nichts. Da geh’ ich lieber noch ein Achterl trinken.“, antwortete der Kanzleirat resignierend. Er lüftete grüßend seinen Hut und entfernte sich durch das Stiegenhaus in Richtung Straße.
Als er Richtung Lerchenfeld abbog, pfiff er fröhlich den Radetzkymarsch.
„Hervorragende Idee!“, rief ihm der Hausmeister nach und hieb dem Rayonsinspektor gönnerhaft auf die Schulter. „Sie auch?“
„Toller Plan, wie die Preußen sagen!“
Beide machten sich in dieselbe Richtung wie Sekunden zuvor der Kanzleirat davon.
Aus der entgegengesetzten Richtung kam eine geschlossene Kutsche.
Diese hielt vor dem Zinshaus und der Fahrer sprang vom Kutschbock.
Ein Automobil knatterte vorbei.
Der Kutscher öffnete den Verschlag der Kutsche und das Fräulein Lily entstieg dieser fast wie von Englein getragen.
Sie quittierte die eindeutig zweideutigen Blicke des Kutschers mit einem verschämten, fast unschuldig wirkenden Lächeln.
Während sie, ihren taubengrauen Rock zurechtstreichend, im Haus verschwand, senkte sich die Sonne über die Vorstadt.
Der Kutscher vergönnte sich noch einen ausgiebigen Blick auf das Fräulein Lily und bedachte dieses Ereignis mit einem anerkennenden Pfiff durch die Zähne.
Dann bestieg er wieder den Kutschbock, schnalzte mit der Zunge und trieb das Pferd mit einem liebevollen „Gemma, Blade!“ zu einem gemütlichen Schritt an.

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