Rayonsinspektor Possinger hat Zahnweh
Sonntag, den 21. Juni 2009 um 13:25 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Rayonsinspektor Possinger hat Zahnweh
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Der Schweiß rann Rayonsinspektor Possinger in Sturzbächen vom Haupt, als er bedächtigen Schrittes jeden Quadratzentimeter Schatten aufsuchend über das Pflaster seines Rayons schritt.
Von weitem schon konnte er aus dem Zinshaus am Eck die Stimme des dürren Hausmeisters Horvath hören, der wieder einmal die Kinder der Hausbewohner verscheuchte.
„Schleicht’s Euch, Bankerten, sonst verschick ich Euch in den Seewinkel zum Gelsenjagen!“
Possinger musste über diesen Vergleich schmunzeln, war dies doch der wahrscheinlich schwülste Juni seit seinem Eintritt in die kaiserlich-königliche Sicherheitswache. Derzeit waren die Gelsen im burgenländischen Seewinkel wahrscheinlich größer als in Wien die Spatzen und eine Gelsenjagd dort wäre gewiss eine blutige Herausforderung gewesen.

Als er in den Kühle versprechenden Hauseingang schritt, stoben die Kinder auseinander, während der Hausmeister mit einem süffisanten Grinsen an seiner Haustüre lehnte und sich den Schnurrbart zwirbelte.
„Habe die Ehre, Herr Inspektor!“, grüßte Horvath mit einer leichten Verbeugung.
„Habe die Ehre!“, grüßte auch Possinger, nahm die Pickelhaube ab und trocknete sich den schwitzenden Kopf mit einem blütenweißen Taschentuch.
„Darf’s ein G’spritzter sein?“, fragte der Hausmeister mit einem Augenzwinkern, schien er die Antwort doch längst schon zu kennen.
„Unbedingt.“, antwortete Possinger kurzatmig und steckte den Kopf unter die Wasserleitung des Bassenas um sich äußerlich wie innerlich mit kühlem Leitungswasser Erfrischung zu verschaffen.
Kurze Zeit später lehnten sie lässig im Stiegenhaus, nippten an einem kühlen, weißen Spritzer und Possinger ließ sich von Horvath das Neueste aus dem Grätzel berichten.
Das sich nähernde Geräusch von hohen Absätzen ließ sie aufhorchen, konnte das doch nur bedeuten, dass eine der im Haus wohnenden Dirnen das Haus verlassen wollte.
„Vorzeitiger Dienstantritt?“, wollte Possinger wissen, da die Abenddämmerung ja noch geraume Zeit auf sich warten lassen würde.
Horvath reagierte mit einem Schulterzucken und wenige Sekunden später erschien Madame Elvira, eine schon etwas in die Jahre gekommen ‚Dame’ böhmischer Provenienz, und trug ein Kuchenblech vor sich her. Sie ging direkt auf den Hausmeister und den Rayonsinspektor zu und hielt ihnen die Palette voller Köstlichkeiten unter die Nase.
„Na, was schauen’s denn so bled? Greifen’s doch zu!“, ermunterte sie die beiden Herren.
„Darf man fragen, warum…“, erwachte Possinger als Erster aus dem Erstaunen.
„Aber geh, ich bin doch aus Böhmen und da packt mich halt manchmal die Lust…“
„Wissen wir eh!“, unterbrachen beide Männer die Madame fast wie aus einem Munde.
„Ich mein’, die Lust a bisserle a Mehlspeis’ zu backen. Powidldatschkerl. Rezept von Mamutschka! Also?“
Und mit einem aufmunternden Kopfnicken motivierte sie die Herren nun doch zuzugreifen.



 
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