Der Boxerstiefel-Blues in Rot - Seite 2
Mittwoch, den 29. April 2009 um 09:48 Uhr |
Norbert Janitsch | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Joe Cocker hatte noch im Bett gelegen und zeigte sich sichtlich bemüht, meinen Anweisungen reaktiv zu folgen, auch wenn ihm dies nur sehr eingeschränkt gelang; so als befände er sich inmitten der medikamentösen Vorbereitung eines chirurgischen Eingriffes an ihm. Die Raumluft war gesättigt von einem gasförmigen Gemenge aus Schweiß, erkaltetem Zigarettenrauch, Dosenbier und diesem ganz bestimmten „Spirit“, der ebenso ungebändigt wie unentwegt aus dem Individuum Joe Cocker entwich, was selbst für meine, damals bereits schwerst vorbestrafte Nase, ein Wahrnehmungserlebnis der „besonderen Art“ bedeutete und die gesamte Atmosphäre seiner Hotelsuite zu einer eindrucksvollen, unbeschreiblichen Metapher des Blues verwandelt hatte. Es war letztlich wohl meiner streng gebügelten Stoffhose und dem erbarmungslosen Erbsengrün meines Sakkos von Texhages zu verdanken, dass mir in Vollziehung meiner polizeilichen Zwangausübung selbst unter diesen außergewöhnlichen Rahmenbedingungen tatsächlich auch noch jene amtliche Glaubhaftigkeit bei Joe Cocker zuteil wurde, die ein derartiger hoheitlicher Vollstreckungsakt wohl unverzichtbar gebraucht hatte. Obwohl ein Fluchtversuch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zu befürchten war, hatte mein Kollege das getan, was er in einer solchen Situation vorsorglich immer getan und immer auch schon am besten gekonnt hatte: nämlich seine beeindruckende Biomasse einfach in den Rahmen der Eingangstüre gestemmt. „So hundertfufzig wern`s scho sein“, war seit 3 Jahren, die ich meinen Kollegen nunmehr näher kannte, seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach seinem tatsächlichen Körpergewicht, unabhängig von wem diese Frage gestellt wurde. So in den Türrahmen gestemmt, als wäre er dort nie wieder, wirklich nie wieder weg zu bekommen. Also nicht einmal, und das hatte bei meinem Kollegen wirklich etwas zu bedeuten, nicht einmal dann, wenn in dem 5-Sterne Hotel, in dem wir uns gerade befanden, aus allen Ecken zu einer Büffeteröffnung nach ihm gerufen worden wäre. Joe Cocker sprach kein Wort, während er halbnackt, nur mit Unterhose und Socken bekleidet, auf der Bettkante sitzend, die herumliegenden und teilweise ineinander verstrickten Kleidungsstücke, misstrauisch in prüfenden Augenschein nahm. Langsam erhob sich Joe Cocker und setzte in Zeitlupentempo zu einem bedächtigen Rundgang durch seine Hotelsuite an. Kleidungsstück für Kleidungsstück, welches anzuziehen er nach reiflicher Überlegung selektiv entschieden hatte, warf er über seinen angewinkelten linken Unterarm. Als er alles, was er für seinen Abgang zu brauchen glaubte, aufgelesen und sich danach wieder auf die Bettkante gesetzt hatte, dämpfte ich gerade meine erste Zigarette aus. Ärgerlich, dass ich mir bei diesem feinmotorischen Fingerspiel in dem mit angerussten Zigarettenstummeln völlig überfüllten Aschenbecher, welcher am Nachttisch gestanden hatte, wieder einmal hässlich schwarze Fingernägel am linken Ring- und Zeigefinger geholt hatte. Es war völlig still im Raum, nichts wurde  gesprochen. Höfliches, aber bestimmtes Warten, von mir und meinem noch immer regungslos im Türrahmen stehenden Kollegen, bis Joe Cocker die frischen Socken und seine Jeans angezogen und endlich auch seine Rumpfkleider übergestreift hatte. Da ich mich damals noch in einem lernfähigen Beamtenalter befunden hatte, dämpfte ich die folgende abgerauchte Zigarette nicht mehr im überfüllten Aschenbecher aus, sondern ließ den glimmenden Stummel nunmehr durch den Trinkschlitz in eine der unzählig herumstehenden leeren Becks-Bierdosen hineingleiten. „Zsst“. Plötzlich herrschte mit einer nicht zu überbietenden psychologischen Hinterhältigkeit, so etwas wie ein „Es-ist-so-weit-Eindruck“; so etwas wie ein Zeichen des Aufbruches war urplötzlich entstanden, welches sich im Gesicht meines Kollegen unmissverständlich widerspiegelte.



 
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