Verspielt
Dienstag, den 07. Oktober 2008 um 10:33 Uhr |
Gerald Haindl | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Meine traurige, ach so beklagenswerte Geschichte begann vor zirka einem Jahr. Es war an einem grauen, kalten, nebligen Novembermorgen, als ich in meinem Stammcafe mit großem Wohlbehagen, meinen kleinen Braunen schlurfte und mit ebensolchem Behagen meine Leibpostille las.

...Plötzlich fiel mir ein Beitrag auf, in welchem freundlich aufgefordert wurde, an einem Dichterwettstreit teilzunehmen. Das Ding hieß "Poetry Slam". Teilnehmerwillige so hieß es, mögen sich eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung anmelden.

 

Ich war wie elektrisiert. Zeit meines langen Lebens war ich Literaturschaffender. Aber Gott sei`s geklagt, auf welch ärmlichem Niveau. Ich dichtete in einer Nische, nein das wäre noch zu pompös formuliert. Ich bewegte mich in einer feuchten, winzigen Ritze. Mein Schaffen widmete ich ausschließlich dem so genannten "Geburtstags-Familiengedicht". Ich führe hier aber nicht ohne Stolz an, auf diesem Gebiet war und bin ich noch eine "Lokale Größe"

Gab es in einer näher oder weiter bekannten Familie etwas Außergewöhnliches, beispielsweise die jüngste Tochter hatte zum 1. Mal die Menstruation, oder das zur Matura geschenkte Auto wurde vom Lieblingssohn an den Baum gefahren, war das ein Anlass, wo ich literarisch auf den Plan trat. In, wenn auch seltenen Fällen, schreckte ich auch vor Begräbnissen nicht zurück. Auch hier war mir dank meiner literarischen Einfühlsamkeit der Erfolg stets sicher. Ein heiteres von mir verfasstes Gedicht am Grab trug immer dazu bei, dass selbst die engsten Angehörigen des Verstorbenen, gutgelaunt und frohgestimmt die letzte Ruhestätte verließen...

Doch genug der Lobhudelei, zurück zum Poetry Slam. Ich witterte instinktiv, hier könnte sich eine Möglichkeit bieten herauszutreten aus meinem Familiengedicht Fahrwasser, einzutauchen in etwas Neues, das mich literarisch vorwärts bringen könnte.

Ich traf überpünktlich bei der Anmeldung ein. Mir stand der Angstschweiß in dicken Tropfen nicht nur auf der Stirn, als ich meine dichtenden Kontrahenten wahrnahm. Junge Studentinnen teils unter teils übergewichtig, kämpften wortgewaltig mit Sprachartistik reichlich von den Musen ausgestattet um den Sieg. Ich selbst hatte ein sozialkritisches, satirisches Gedicht über das Christkind im Köcher. Ein Wunder geschah, ich wurde von l5 Teilnehmern 3. Das gab mir nicht nur mut, nein dieser Erfolg versetzte mich in Euphorie.



 
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