Mein Freund hat einen Menschen getötet
Dienstag, den 08. April 2008 um 13:14 Uhr |
Hans-Peter Stepanik | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Mein Freund hat einen Menschen getötet
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Die ganzen Jahre, die ich nun schon in Ravensburg bin, hatte ich immer noch einen guten und intensiven Kontakt zu meinem Kollegen Horst K. Er war damals in Giengen für mich nicht nur ein sehr guter Kollege, sondern wurde auch bald zu meinem Freund und zum Freund meiner Familie und auch die beiden Frauen waren befreundet. Er war immer sehr menschlich und hatte stets ein offenes Ohr für seine Mitmenschen.

In meiner damaligen schwierigen finanziellen Lage hat er uns einige Male ein paar Kilo Kartoffeln gebracht und auch mal ein Stück Fleisch zukommen lassen; meine Familie und ich lebten damals im wahrsten Sinne in geregelter Armut, denn ich verdiente als Oberwachtmeister mit einem Kind gerade mal 800 DM netto. Da konnten wir wirklich keine großen Sprünge machen. Und so wurden wir von der Familie K. immer mal wieder eingeladen - auch zum Essen. Meine spätere Versetzung nach Ravensburg war für unsere Freundschaft allerdings nicht gerade förderlich. Um uns aber nicht aus den Augen zu verlieren, besuchten wir unseren Freund hin und wieder in Giengen oder wir telefonierten ab und zu miteinander.
Wir hatten von einem erschütternden Familiendrama in Giengen nicht aus der Zeitung erfahren; deshalb waren wir total geschockt, als wir davon eines Tages erfuhren. Bei einem dieser Telefonate mit meinem Freund schilderte er mir dann die schreckliche Geschichte:  
Der Jüngere der beiden Söhne von Horst K. ist ein Jahr vorher im zarten Alter von 19 Jahren im Verlauf eines Eifersuchtdramas im Beisein seiner Freundin von seinem Nebenbuhler niedergeschossen und getötet worden. Man konnte am Telefon spüren, wie tief die Trauer bei den Eltern noch saß; es war sicherlich eine Riesentragödie. Die ganze Stadt nahm damals Anteil an dem schrecklichen Geschehen um die Familie und um den ermordeten Sohn.
Der Täter bekam für seine Tat „nur“ 12 Jahre Gefängnis. Dieses Urteil ließ meinen Freund Horst traurig und enttäuscht werden; er verlor seinen Glauben an den Rechtsstaat. Im Laufe der Zeit entwickelte sich in seinem Inneren ein unvorstellbarer Hass auf den Mörder.
Den Verlust seines Sohnes konnte Horst K. einfach nicht verwinden. Ganz lange Zeit war er psychisch stark angeschlagen, ja sogar aus dem Gleichgewicht und deshalb in professioneller Behandlung. Als er eines Tages wieder Dienst verrichten sollte, verweigerte er das Tragen seiner Dienstwaffe aus ganz persönlichen, privaten Gründen.
Der ermordete Sohn hatte als Hobby die Musik und Horst K. unternahm alle Anstrengungen, um in der Stadtkapelle den Platz seines Sohnes einzunehmen. Darin fand er eine neue Erfüllung. Es lenkte ihn außerdem von seiner Trauer ab und wurde schließlich auch zu seinem Hobby.
Meine Frau und ich glaubten deshalb schon, Licht am Ende des Tunnels erkennen zu können und hofften inständig für unseren Freund, dass er auf diese Weise irgendwann wieder völlig gesunden und den furchtbaren Schicksalsschlag besser überwinden könnte.



 
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