Irrfahrt
Montag, den 10. März 2008 um 12:36 Uhr |
Peter L. Niegel | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Irrfahrt
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U-Bahn, zum ersten Mal benutzten wir bei einem Einsatz in Berlin die U-Bahn. Diese war an jenem Tag voller Menschen, hoffnungslos überfüllt. Sogar die Stehenden mussten sich aus Platzmangel eng aneinander drücken. Stimmengewirr. Unterschiedlichste Gerüche. Ein Gemisch aus Zigarettenqualm, Schweiß und Schmieröl. Typische Gerüche eben, die einem aus U-Bahnhöfen und den Zügen entgegenschlagen. U-Bahn-Alltag in Berlin.
Als die Wände der dunklen Tunnelröhre und die Schilder an den Betonwänden vorbei flogen und nur durch die Beleuchtung in der U-Bahn für Sekundenbruchteile - wie in der Geisterbahn - sichtbar wurden, konnte ich nur die Bezeichnung lesen.

Schlagartig wusste ich, diese Fahrt konnte zu einem lebenslangen, unfreiwilligen Aufenthalt in der DDR werden. Beginn eines Albtraums. Erstarrung. Schock. Plötzliche, nie zuvor gespürte, nackte Angst, die sich in pures Entsetzen wandelte. Ungläubige Hilflosigkeit. Was würde passieren?
Der Halt im U-Bahnhof Friedrichstraße, die blanken Stiefel der Volkspolizisten auf dem Bahnsteig und deren prüfende Blicke auf die Fahrgäste im Zug trieben mir den Schweiß auf die Stirn. Ich spürte den Druck meines Funkgerätes unter meiner Jacke, fühlte mich durch die forschenden Blicke des Volkspolizisten transparent, durchsichtig. Er musste sie doch spüren, meine Unsicherheit, glaubte ich.
Wie viele heikle Situationen hatte ich in meinem Polizistendasein schon überstanden, aber so etwas?
Ein Blick auf meinen neben mir stehenden jungen Kollegen zeigte mir, dass er überhaupt nichts von dieser brisanten Situation bemerkt hatte. Er redete unbefangen auf mich ein, hatte nicht registriert, dass wir in die falsche Richtung gefahren waren.
Es war sein allererster und unser erster gemeinsamer Einsatz in Berlin.
Was hatte uns in diese Situation gebracht? Gedankenlosigkeit?
Nein. Als Einsatzleiter hatte ich mich auf unsere Zielperson so sehr fixiert, dass ich ihr schließlich in die U-Bahn gefolgt war, um sie nicht noch kurz vor dem uns bis dahin unbekannten Ziel zu verlieren. Dabei hatte ich nicht beachtet, dass diese U-Bahn über den Bahnhof Friedrichstraße - also durch DDR-Gebiet - fuhr und erst am Bahnhof Kochstraße wieder den Westteil der Stadt erreichen würde. Nicht entschuldbare Unkonzentriertheit!
Seit ihrer Ankunft am Flughafen Tegel hatte die Zielperson die üblichen, von mir erwarteten Spielchen gespielt: Einsteigen in den Bus. Feststellen, wer noch einsteigt. Verlassen des Busses unmittelbar vor Abfahrt. Einsteigen in ein Taxi. Fahrt über den Schumacher Damm und die Müller-Straße bis zur U-Bahnstation Reinickendorfer Straße. Spaziergang durch ruhige Nebenstraßen und zurück zur U-Bahnstation. Einstieg in die nächste U-Bahn.
Beobachten der zuletzt Einsteigenden. Verlassen der U-Bahn unmittelbar vor Schließen der Türen. Nächste U-Bahn, gleiches Spiel. ‚Fahrgäste’, die in letzter Sekunde - mit der Zielperson - die U-Bahn wieder verlassen, sind erkannte Observanten! Mit Observationen rechnen solche Kriminellen immer, um ihr Risiko, erwischt zu werden, soweit wie möglich zu minimieren. Entweder wird die vorgesehene Weiterfahrt zum Zielpunkt abgebrochen oder versucht, die Observanten eindeutig als solche festzustellen oder sie durch weitere Ablenkungsmanöver abzuschütteln. Auf solch eine Spielvariante war ich hereingefallen. Zu spät hatte ich erkannt, dass ich mit der Zielperson in die für uns falsche U-Bahn Richtung Bahnhof Friedrichstraße eingestiegen war. Mein Kollege hatte meiner Erfahrung vertraut und war mir ‚blind’ gefolgt. Dutzende solcher Einsätze hatte ich erfolgreich durchgeführt und jetzt dies.



 
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