Eine etwas andere Art der Aktenerledigung
Montag, den 15. Oktober 2007 um 11:25 Uhr |
Josef Thaler | Geschichten & Gedichte - Geschichten

...oder: "Der nicht bestimmungsgemäße Gebrauch eines Gehstocks"

Es war in den Anfängen meiner „Polizeikarriere“. Wenn ich heute darüber nachdenke, muss ich immer noch hellauf lachen. Damals allerdings versetzte es meinem Selbstvertrauen einen nicht unerheblichen Dämpfer.
An einem Samstag Nachmittag waren bei uns immer Aktenerledigungen angesagt. So auch diesmal. Mein damaliger Wachkommandant beauftragte mich damit. Das war durchaus angenehm, konnte man doch mit dem Dienstmoped, einer schwarzen PUCH MS 50 ausfahren. Sturzhelmpflicht gab es auch noch keine. Also was wollte man mehr.

Im Zuge meiner Erhebungsarbeit musste ich zu einem Mehrfamilienhaus fahren, um einen Geldakt einzutreiben. Nun wusste ich, dass die betroffene Person selten zu Hause war und wenn doch, so pflegte er die Hausglocke geflissentlich zu überhören. Also probierte ich es zuerst bei meiner Partei, natürlich ohne Erfolg. Als nächstes läutete ich bei einem Nachbarn, welcher ebenfalls nicht öffnete. Und weil an einem solchen Tag das Unglück ja auch irgendwie beginnen musste, ging das bei mehreren Hausparteien so.
Nun stand ich also an der Haustüre die Hand am Türknauf, um ja nicht den Türsummer zu verpassen, sollte er doch von irgendjemand betätigt werden. Dies geschah dann auch und in meinem jugendlichen Überschwang drückte ich natürlich kräftig gegen die Tür. Die flog mit einem Krachen auf und gleich darauf auch noch gegen die Wand. Ich hinein in das Stiegenhaus. Doch was mich dort erwartete, konnte ich nicht ahnen.
Als ich nun im Stiegenhaus zum Stehen gekommen war, stand ich einer ziemlich betagten Dame gegenüber. Erleichtert, jemanden nach meiner Partei fragen zu können, fing ich an zu reden.
„Bitte können sie mir…“
Doch weiter kam ich nicht. Ich sah nur etwas Dunkles in die Höhe schnellen, dann kam schon der Schmerz. Quer übers linke Knie und als Draufgabe noch über die rechte Wade.
„Wie kommst du dazu eine alte Frau so zu erschrecken, du Rotzbub! Ich werd' dich Mores lehren. Und außerdem rufe ich gleich die Polizei!“, schrie sie.
Schon sah ich das dunkle Etwas, das sich als Gehstock entpuppte, wieder in die Höhe fahren.
Mit einem gemurmelten „Die Polizei bin eh ich“, trat ich den Rückzug an.
Das dürfte sie jedoch gehört haben, vernahm ich doch das laute Zuknallen einer Wohnungstüre.
Auch ich suchte das Weite und leckte meine Wunden. Die waren jedoch mehr seelischer, denn körperlicher Natur. Am meisten wurmte mich, dass sie meine Uniform nicht erkannt hatte. Nach einer ausgedehnten Runde mit dem Dienstmoped, währenddessen ich mein seelisches Gleichgewicht einigermaßen wieder erlangte, rückte ich ein. Im Wachzimmer ließ ich mir natürlich nichts anmerken. Meine Kollegen wunderten sich aber doch, weil ich an diesem Tag nicht mehr viel redete.
Später sah ich die alte Dame noch öfters. Einmal habe ich mich mit ihr sogar unterhalten. Es stellte sich heraus, dass sie stark kurzsichtig und deshalb etwas schreckhaft war. Der besagte Vorfall ist jedoch nicht zur Sprache gekommen. Und auch ich hielt es für besser, kein Wort darüber zu verlieren.

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