SIE
Dienstag, den 25. September 2007 um 09:53 Uhr |
Thomas Eppensteiner | Gedichte

Sie glaubt an das Gute im Menschen und meint, dass jeder Täter in erster Linie ein Opfer ist.
Sie meint, dass wir viel zu intolerant mit den Menschen am Rande der Gesellschaft umgehen.
Sie denkt, Integration ist hauptsächlich Aufgabe derer, die schon da sind.
Sie fühlt sich in ihren Rechten verletzt, wenn sie mal ihren Ausweis zeigen muss,
Sie setzt diesen romantisch verklärten Blick auf, wenn sie sich Videos von 68 ansieht.
Sie sagt dann immer, das wäre ihre Zeit gewesen, ein Leben im Widerstand zur Ordnung derer, die sie verachtet.
Neulich hab ich sie getroffen. Ihr geht’s gut. Sie wollte wissen, ob ich mich immer noch zum Sklaven dieses Staates mache, eine Marionette bin.

Sie glaubt, wir brauchen weniger Regeln von oben, dann würde sich alles von selbst regeln.
Sie meint, dass wir gezwungen werden müssen, über den Tellerrand zu blicken.
Sie denkt, dass es ein Unser nicht geben darf und wir das, was wir haben, teilen müssen.
Sie fühlt Ekel und Abscheu, wenn von Illegalen gesprochen wird. Kein Mensch ist illegal.
Sie setzt dann immer diesen zornigen Blick auf, wenn ihre Argumente keinen Anklang finden.
Sie sagt dann immer, dass wir aus unserer Geschichte nichts gelernt haben.
Neulich hab ich sie getroffen. Ihr geht’s gut. Sie wollte wissen, ob ich mich denn am Morgen überhaupt noch in den Spiegel schauen kann.

Sie glaubt, dass jedes Gespräch besser ist als eine Sanktion.
Sie meint, dass ein künstliches Klima der Angst hilft, uns zu kontrollieren.
Sie denkt, dass man im Kleinen beginnen muss, die Gesellschaft zu verändern.
Sie fühlt sich bestätigt, wenn sie mit anderen auf die Straße geht um gegen die Unmenschlichkeit zu protestieren.
Sie setzt dann immer diesen siegessicheren Blick auf und weiß, dass sie am richtigen Weg ist.
Neulich hab ich sie getroffen. Ihr geht’s nicht so gut. Sie wollte wissen, wo man ihr helfen kann.

Man hat ihre Tochter gefunden. Voll mit dem Zeug, dass man jetzt an jeder Straßenecke kaufen kann.
Sie glaubt, dass man viel zu wenig dagegen tut.
Sie meint, dass man den, der das getan hat, am höchsten Baum der Stadt aufhängen sollte.
Sie denkt, dass es kein Mitleid geben darf, mit ihrer Kleinen hatte er auch kein Mitleid.
Sie fühlt sich erst besser, wenn sie weiß, dass er dafür bezahlt.
Sie setzt dann immer diesen verzweifelten Blick auf.
Was ist aus der Welt bloß geworden....

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