Mittwoch, den 01. August 2007 um 19:58 Uhr |
Thomas Angerer | Geschichten & Gedichte - Geschichten
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Johnny 99
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Diese Geschichte könnte überall stattfinden. Fohnsdorf in der Obersteiermark, Sachsen-Anhalt, Mexiko-City.
Sie findet aber im Bundesstaat New Jersey statt. Warum?
Weil Bruce Springsteen den Text zum Lied „Johnny 99“ dort spielen lässt und so lassen wir den Helden, der mit Sicherheit keiner ist, auch hier leben.
Mahwah, New Jersey. Etwas mehr als zwanzigtausend Einwohner. Die Stadt lebt von der Autofabrik am Stadtrand.
Umwegrentabilität nennt man das. Wenn die Autofabrik schließt, ziehen Leute weg. Dann muss der Gemischtwarenladen am Eck zusperren. Und wieder ziehen Leute weg. Wer will schon in einer Stadt leben, wo es nicht einmal einen Supermarkt gibt. Deshalb schlieißt auch bald die Grundschule. Zu wenige Kinder. Die paar, die noch da sind, müssen in die nächste Stadt pendeln. Und wieder ziehen Leute weg. Wer will schon in einer Stadt leben, wo es nicht einmal eine Volksschule gibt. Das könnte man so weiterführen, bis die Stadt leer ist und nur mehr vertrocknete Dornbüsche durch die Main Street rollen und im Hintergrund leise Ennio Moriccone eine Mundharmonika spielen lässt.
Das Lied vom Tod.
Doch halt. So weit sind wir noch nicht.
Die Autofabrik hat doch erst letztes Monat zugesperrt. Es gibt sogar einen Sozialplan und ein Umschulungsmodell.
Ralph ist trotzdem verzweifelt. Mit seiner Braut Janey hat er erst vor kurzem auf Kredit das kleine Häuschen am Stadtrand gekauft. Mit einem Garten und genug Platz für jede Menge Kinder.
Janey kommt gerade vom Dachboden, als die Türe auffliegt.
„Ralph, bist Du’s?“, fragt sie unsicher und stellt den Wäschekorb ab.
„Wer sonst?!“, tönt es aggressiv von der Haustüre her.
„Ralph? Du hast doch nicht getrunken, oder?“ fragt sie, obwohl sie es eigentlich schon weiß.
„Nein, Baby, nur ein paar klitzekleine. Tanqueray und Wein. Wein und Tanqueray.“
Sie mustert Ralph eingehend, während er die Arme ausbreitet.
„Küss’ mich, Baby. Küss’ den letzten Helden der amerikanischen Arbeiterklasse. Auch wenn er grad keine Arbeit hat!“
„Ralph, Du weißt, dass ich nicht mag, wenn Du so bist.“, reagiert sie sauer.
„Fuck, ja. Schmeiss Du mich auch noch vor die Tür!“ brüllt er. „Ich habe für die High School Football gespielt. Und was war der Dank? Ich hab nicht mal einen Abschluss. Ich war für die Army im Irak. Und was war der Dank? Eine Urkunde und eine Abfindung die gerade mal für die Anzahlung für das Haus gereicht hat! Ich hab zwei Jahre in der Fabrik gearbeitet, war nie krank und hab auf Urlaub verzichtet. Und was war der Dank? Was, hä? Sie setzen mich vor die Tür und im Sozialplan ist auch kein Platz, weil ich zu jung bin und mir schon selbst was finden werde.“ Er schrie zwar schon laut, aber er verstärkte seine Stimme noch einmal. „Und jetzt schmeiss Du mich auch noch raus. Danke!“
Er stürmte aus dem Haus. Im Gehen hörte Janey ihn noch brüllen.
„Danke, Amerika. Du Land der Mutigen und Freien. Danke!“


 
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